Mein nonbinärer Bart

Inhaltliche Warnung: Dysphorie, Transition, Diskriminierung, Gewalt

Hier sind mehrere Kunstbärte in verschiedenen Farben abgebildet.
Die Vielfalt der Barformen. Foto: Sascha Thierry Esequiyl Rubel.

Was bei meiner Entscheidung zur Barttransplantation eine Rolle spielt

Seit ich denken kann, sehe ich für mich fremd auf Bildern aus. Es ist nicht so, als wäre etwas falsch, sondern als würde etwas fehlen. Ich verziehe im Spiegel mein Gesicht, damit es stärker konturiert wirkt. Ich fühle mich ungesehen, weil andere keine Chance haben, den Bart zu sehen, von dem ich denke, dass er zu mir gehören könnte. Meine Option: Eine Barttransplantation als nonbinärer Mensch.

Barttransplantation und Behinderung – Angst vor der Ungewissheit

Ich bin autistisch. Das bedeutet, dass ich laut Wissenschaftler*innen sensorisch bis zu 70% mehr Reize wahrnehme als nicht-autistische Menschen: Schöne Dinge wie emotionale Musik, aber auch unangenehme Dinge wie Straßenlärm in einer behindernden Welt bringen mich zum Weinen – aus Freude oder aber aus Überlastung. Ich bin ständig auf der Hut davor, mein Level an Reizüberflutung geringzuhalten. Wie würden sich Haare am Kinn anfühlen? Würden sie mich verrücktmachen? Bärte, die mensch zum Ankleben oder Umhängen erwerben kann, fühlen sich in der Regel an wie Tapetenkleister auf der Haut. Kein guter Vergleich mit einem echten Bart.  

Bei 7000€ Kosten für eine Barttransplantation und 12 Stunden wacher Transplantationszeit von im Schnitt 12.000 Haarfollikeln aus dem Hinterkopf, wäre es mehr als unglücklich, seine Entscheidung zu bereuen. Vor allem, da Krankenkassen trans* Personen in ihren Belangen weiterhin unterdrücken, indem sie viele OPs nicht finanzieren: Nonbinäre Personen müssen in der Regel angeben, sie wären binärgeschlechtlich trans, um eine OP gegen depressiv-machende Dysphorie gegenüber Körperteilen bewilligt zu bekommen. Ich wünschte, die Krankenkassen und Deutschland würden es möglich machen, wichtigen Entdeckungsversuchen nachzugehen und herauszufinden, wie manche Dinge für mensch sind – mit metaphorischem Rückflugticket. Vor der Prozedur selbst habe ich keine Angst. Sie erfolgt unter örtlicher Betäubung, sodass ich nichts fühlen würde. Meine längste Tattoo-Session ging vier Stunden und da habe ich alles gefühlt. Ich mag auch den Gedanken, dass weichere Haare vom Hinterkopf genommen werden.

Bärte als kulturell konnotiertes Merkmal und weißes Schönheitsideal

Hätte ich ein Problem damit, keinen Bart zu haben, wenn ich in einem Kulturkreis leben würde, in dem die meisten Menschen keinen Bartwuchs haben? Ich kann nur mutmaßen. Wir leben in einer Welt, in der weiß-binäre Unterdrückung mit Schönheitsidealen einhergeht, die gefährliche Praktiken wie das Skinbleaching begünstigen. Möglichst nach einem Geschlecht auszusehen und weder androgyn, noch genderkreativ, behindert oder Bi*PoC zu sein, gilt als „schön“ oder „richtig“. Wir leben daher in einer Welt, in der es oft sinnvoll sein kann, sich zu fragen, ob mensch körpermodifizierende Dinge aus den falschen Gründen will. Auch wenn es fragwürdige Gründe wie Ideale gibt, ist Leidensdruck ernstzunehmen. Es ist schwer und unrealistisch, dauerhaft so zu tun, als wäre mensch nicht auch ein Produkt der Gesellschaft, in der mensch lebt und aufgewachsen ist.           

Bei meiner Barttransplantation geht es nicht darum, mich schöner zu fühlen, sondern darum, mich endlich als ich selbst im Spiegel erkennen zu können. Ich verbinde den Bart mit keinem Geschlecht. Er ist für mich kein männliches Ding. Ich weiß nur, dass ich euphorisch werde, wenn ich mich mit Bartfilter sehe.   

„Bei meiner Barttransplantation geht es nicht darum, mich schöner zu fühlen, sondern darum, mich endlich als ich selbst im Spiegel erkennen zu können.“

Die nonbinäre Flagge in Herzform.
Die nonbinäre Flagge. Foto: iconfinder.com / Free.

Mich körperlich verwirklichen in einer Gesellschaft, die mich binärgeschlechtlich einordnet – geht das?

Was passiert gesellschaftlich, wenn ich einen Bart bekomme? Als nonbinärer Mensch möchte ich von Geschlechtseinordnungen in Ruhe gelassen werden. (Bitte!) Ein Unterfangen, in dem cis Personen kolossal scheitern – vielleicht weil sie es nicht wirklich versuchen? Es ist paradox, dass ich, der Mensch, der sich oft ohne Geschlecht identifiziert, anderen erkläre, dass sie Geschlecht überall ganz groß machen. Ich versuche, mich möglichst wenig damit zu befassen, wie andere Menschen mich fehleinordnen und so diskriminieren. Das ist nicht immer eine Option, wenn es um Sicherheitsfragen geht. Ich habe schon alle Zuschreibungen erlebt: Trans* Frau / Mann, lesbische Person, cis Mann / Frau, schwuler Mann (als Person ohne Brüste im Schwimmbad). Oft hat es mich gestört, wenn mir cis Personen suggerieren, ich wäre in der falschen Umkleide, Dusche, Toilette. Natürlich bin ich das! Euretwegen kann ich gar nicht in dem für mich richtigen Raum sein, außer sie ist genderneutral! [TW] Insgesamt macht es mir Angst, nicht zu wissen, ob ich mit Bart angegriffen würde.

Wenn ich mir einen Bart zulege, könnte auch folgendes passieren: Cis Männer könnten mich als „einen von ihnen“ wahrnehmen und privilegieren. Das mag in etwa so erdrückend sein, wie wenn mich cis Frauen als „eine von ihnen“ wahrnehmen und dann bei Klarstellung enttäuscht oder befremdet wirken.

Schwarz-Weiß-Denken in anti-Sexismus-Diskursen und ihre retraumatisierende Wirkung

[TW] Meine Überlegungen zum Bart drehten sich lange viel um mein eigenes Trauma. Meine wirkliche Angst als Überlebende*r sexualisierter Gewalt ist es, dass sich eindimensionale cis Feminist*innen, die nicht intersektional denken, mir gegenüber hinstellen und mich als privilegierten, mutmaßlichen Täter darstellen. Vielleicht würde dies nie jemand tun. Aber es ist bezeichnend, wie „Stoppt Gewalt gegen Frauen“-Initiativen oft exklusiv weißen, nicht-behinderten endo-cis-Feminismus betreiben. Diskriminierungsformen außerhalb von Sexismus oder ein Kind jeglichen Geschlechts zu sein sind massive Risikofaktoren dafür, Gewalt zu erfahren, werden aber oft übergangen. Wie schade!

„Ich hatte das Gefühl, mich dazwischen entscheiden zu müssen, einen Bart zu haben und als die pazifistische, softe und emotionale Person erkannt zu werden, die ich bin.“

Immer wieder wird mensch als nicht-endo-cis-Frau Survivor von der Traumabewältigung ausgegrenzt oder als „Gegenseite“ angesehen. Oft frage ich mich, wie empört weiße cis Frauen wären, wenn Schwarze Personen antirassistische Diskurse genauso polarisierend führen würden, wie sie selbst Aktionen gegen das Patriarchat betreiben. Ich halte anti-Sexismus für wichtig und finde, dass er intersektionell betrieben werden sollte. Das Ziel kann nicht sein, alles außer cis-Weiblichkeit zu dämonisieren wie in trans-feindlichen Kontexten. Denn so habe ich das Gefühl, mich dazwischen entscheiden zu müssen, einen Bart zu haben oder als die pazifistische, softe und emotionale Person erkannt zu werden, die ich bin.

Wieso will ich eigentlich kein Testosteron nehmen?

Weil das viele Veränderungen mit sich bringen könnte, die ich an mir nie ersehnt habe. Ein Bart wächst einem auch dann oft nach fünf Jahren, spärlich oder gar nicht. Das ist für mich zu ungewiss und ich möchte keine Merkmale wiederabbauen müssen, die unerwünscht aufkommen. Auch will ich keine anstrengende zweite Pubertät durchmachen – wer will das schon gerne mit 25, wenn they die Wahl hat.

Meine Zukunft

Weil ich noch nicht alles Geld zusammenhabe, fühle ich mich momentan nicht, als hätte ich eine reale Entscheidung, ob ich den Schritt zur Transplantation wagen will. Bis dahin verziehe ich leider weiter mein Gesicht im Spiegel.   

Ich mit Bartfilter, lächelnd.
So könnte ich aussehen. Foto: Sascha Thierry Esequiyl Rubel.

Von Sascha Thierry Esequiyl Rubel (they)

Beitrag erstellt am: 19.08.2026 um 14:45 Uhr
Letzte Änderung am: 19.08.2026 um 14:46 Uhr