Die FIFA und wie sie bestimmt, wo die Fußball Weltmeisterschaften stattfinden werden

FIFA-Präsident Gianni Infantino bei einer Pressekonferenz 2020.
FIFA-Präsident Gianni Infantino 2020. Foto: Nikoleta Haffar/UNIS Vienna / CC BY 2.0.

Die nächste FIFA-Fußball Weltmeisterschaft startet diesen Sommer am 11. Juni und findet in Kanada, Mexiko und den USA statt. Ein guter Zeitpunkt, um die Frage zu klären, wie überhaupt festgelegt wird, wo die Turniere stattfinden.

Der Vergabeprozess der Weltmeisterschaften

Durch den Korruptionsskandal, unter anderem in Bezug auf die Vergabe der FIFA (Fédération Internationale de Football Association) 2015 nach Katar und dem damit einhergehenden Rücktritt des damaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter, versprach der neugewählte FIFA-Präsident Gianni Infantino eine offene FIFA mit mehr Transparenz und Reformen. Das galt auch für den Vergabeprozess der Weltmeisterschaften, zumindest auf dem Papier.

Die Mitgliedsverbände der FIFA, also die potentiellen Austragungsländer, die Möglichkeit ihre Bewerbungen zur Austragung einer bestimmten FIFA-Weltmeisterschaft einzusenden. Diese werden daraufhin vom FIFA-Generalsekretariat geprüft und bezüglich des Bewerbungsverfahrens und des Anforderungskataloges bewertet. Die Bewertungen werden als Berichte öffentlich gemacht, auf dessen Basis sich der FIFA-Rat anschließend für maximal drei Bewerbungen entscheidet. Seine Entscheidung legt er dem FIFA-Kongress vor. Dort wird über diese abgestimmt, wobei eine Mehrheit von 50 % benötigt wird. Sollte es im ersten Wahlgang bei drei Bewerbungen keine absolute Mehrheit geben, findet ein zweiter Wahlgang zwischen den beiden meistgewählten potenziellen Austragungsorten statt.

Ein Schaubild zur Vergabe der WM. Mitgliedsverbände senden ihre Bewerbungen an das FIFA Generalsekretariat, welches einen Bericht darüber erstellt und diesen dem FIFA Rat vorlegt. Dieser filtert die Bewerbungen auf bis zu drei Stück und der FIFA Kongress bestimmt dann in bis zu zwei Wahlgängen mit absoluter Mehrheit, wer die WM ausrichten wird.
Der Vergabeprozess zur Austragung einer FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft. Foto: Hans Pelshenke.

Der reformierte Vergabeprozess in der Praxis

Wurde sich also demokratisch für die Vergabe nach Saudi-Arabien entschieden? Nicht so wirklich. Eigentlich sollte 2023 darüber abgestimmt werden, ob die WM 2030 in Portugal, Spanien und Marokko oder in Argentinien, Uruguay und Paraguay stattfinden wird. Die südamerikanischen Länder wollten die WM zum hundertjährigen Jubiläum der ersten WM 1930 in Uruguay erneut nach Südamerika holen. Ihre Chancen standen jedoch schlecht. So kam der Vorschlag zustande, die Weltmeisterschaft zwar in Portugal, Spanien und Marokko, jedoch je ein Spiel in Uruguay, Argentinien und Paraguay stattfinden zu lassen. Zeitgleich kündigte die FIFA an, dass auch bereits über die Vergabe der WM 2034 entschieden werden solle. Potenziellen Austragungsorten wurde bloß etwa ein Monat Zeit gegeben, um eine Bewerbung einzureichen. Saudi-Arabien reichte kurz nach der Ankündigung direkt eine fertige Bewerbung ein.

Für die Vergabe der Weltmeisterschaften gibt es zudem ein Rotationsprinzip, das dafür sorgen soll, dass die Turniere regelmäßig in unterschiedlichen Kontinenten stattfinden. Konkret heißt das, dass ein Kontinent nach der Austragung einer Endrunde für die nächsten zwei Turniere nicht mehr in Frage kommt. Dadurch, dass die WM 2030 an Länder in Afrika, Europa und Südamerika gehen soll und dass die WM zuvor, also dieses Jahr, in Nord- und Mittelamerika stattfinden wird, bleibt für das Jahr 2034 nur noch Asien und Ozeanien übrig. Diese Mechanik und der kurze Bewerbungszeitraum sorgten dafür, dass Saudi-Arabiens Vorstoß der einzige für die WM 2034 blieb.

Im Bericht der FIFA, für Saudi-Arabien als Austragungsort, wird das Land mit guten 4,2 von 5 möglichen Punkten bewertet und das Risiko für Menschenrechtsverletzungen sei auf „mittlerem“ Niveau. NGOs wie Human Rights Watch und Amnesty International sehen die Lage jedoch noch schlimmer als im Gastgeberland von 2022. Ebenso im Grad der Pressefreiheit liegt Saudi Arabien laut „Reporter ohne Grenzen“ auf Platz 170 von 180 und somit hinter Katar. Die NGO Freedom House gibt Saudi-Arabien in Punkto Freiheit 9 von 100 Punkten. Gleichzeitig ist die aktuelle Menschenrechtslage für die FIFA kein Kriterium bei der Vergabe, nur die Arbeiterrechte im Rahmen der Veranstaltung. Sie betont jedoch vor allem die Chance für Reformen im Land aufgrund der Weltmeisterschaft und der damit einhergehenden internationalen Aufmerksamkeit. Ein Argument, welches ebenfalls für Katar als Austragungsort 2022 verwendet wurde. Heute wissen wir, dass es zwar auf dem Papier zum Beispiel einen höheren Mindestlohn und sogenannte Streitschlichtungskomitees zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen, es dennoch in der Praxis kaum spürbare Verbesserungen gibt. Gastarbeiter*innen verschulden sich, Löhne werden nicht gezahlt, Entschädigungen ebenso nicht, da die katarischen Behörden viele Tode im Bezug zu den Arbeiten für die WM 2022 als „natürliche Tode“ bezeichnen, und die Streitschlichtungskomitees sind unterbesetzt. Das Argument erweist sich historisch somit zumindest vorerst als fehlerhaft. Auch sportlich muss der straffe Fußball-Kalender umgeplant werden, da eine Austragung im Sommer klimatechnisch unmöglich ist.

In einer Online-Konferenz wurde dann über Applaus en bloc abgestimmt, also entweder entweder „JA“ für beide Bewerbungen oder „NEIN“ für beide Bewerbungen. Verbindungen zwischen der FIFA und Saudi-Arabien zeigen sich unter anderem hieran: Ende 2024 und somit kurz vor der offiziellen Abstimmung über die Vergabe der WM nach Saudi-Arabien wurde angekündigt, dass das Saudi-Arabische staatliche Ölunternehmen Aramco als Sponsor bei der FIFA einsteigt. Hinsichtlich der Weltmeisterschaft in Saudi-Arabien ist Infantino optimistisch:

„Ich vertraue unseren Gastgebern voll und ganz, dass sie alle offenen Punkte angehen werden und Turniere abliefern, die die Erwartungen der Welt erfüllen“.

Gianni Infantino

Infantinos groß angekündigte Reformen von dem Beginn seiner Amtszeit wurden mit der Zeit wieder rückgängig gemacht. So bereitete im Mai 2024 eine Statutenveränderung den Weg für die Doppelvergabe der Weltmeisterschaften 2030/2034. Doppelvergaben, also dass die Austragung zweier Weltmeisterschaften zeitgleich vergeben werden, hatte Infantino mit einer Amtseinführung ursprünglich im Sinne einer besseren FIFA verboten.

Bereits 2017 setzte Infantino die Spitze des FIFA-Ethikkomitees ab. Seine Begründung: sie hätten sich nicht rechtzeitig zur Wiederwahl aufstellen lassen. Brisant ist das, da diese Spitze des Komitees überhaupt erst den Ex-Präsidenten Blatter sperrte und bereits gegen Infantino ermittelte. Somit steht der Vorwurf im Raum, Infantino hätte dies aus politischen Gründen gemacht und geht so gegen Widerstand innerhalb der FIFA vor.

Reaktionen auf die Vergabe nach Saudi-Arabien

Offene Kritik an der aktuellen Vergabe kam bloß von der Präsidentin des norwegischen Fußballverbandes Lise Klaveness. Sie gilt als die letzte kritische Stimme innerhalb der FIFA. Der Präsident des Deutschen Fußball Bunds (DFB) Bernd Neuendorf hat in Vertretung des DFB den gesamten Prozess mitgetragen und auch der Vergabe nach Saudi-Arabien zugestimmt:

„Mit einer Ablehnung oder einem Boykott erreichen wir nicht, was wir wollen. Wir hätten uns aus dem Spiel genommen“.

Bernd Neuendorf

Er befürchtet, dass man sich mit einer Ablehnung bloß Symbolpolitik leiste und sich isolieren würde. Saudi-Arabien habe auch zugesagt Menschenrechte einzuhalten. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft Joshua Kimmich sagte zu ähnlichen Diskussionen 2021 bezüglich der WM in Katar, dass man zu spät dran sei und die Kritik bei dem Vergabeprozess laut werden müsse. Als es zu der WM Vergabe nach Saudi-Arabien kam, schob er die Verantwortung auf die „Fachmänner im Land“ und darauf, dass die FIFA einen „Katalog mit Anforderungen“ an die potentiellen Austragungsländer stellen müsse.

Die Weltmeisterschaft 2026

FIFA Präsident Gianni Infantino mit US Präsident Donald Trump und seinem VIze JD Vance bei einer Pressekonferenz in den USA.
FIFA Präsident Gianni Infantino mit US Präsident Donald Trump und seinem VIze JD Vance bei einer Pressekonferenz in den USA. Foto: The White House / CC BY 3.0 US.

Marokko konkurrierte mit dem amerikanischen Verbund aus Mexiko, Kanada und den USA um die Austragung. Die marokkanische Bewerbung wurde jedoch aktiv durch die FIFA geschwächt. Sie änderte den Anforderungskatalog im Bewerbungsverfahren, sodass jede Austragungsstadt mindestens 250.000 Einwohner*innen haben müsse und in maximal 90 Minuten von einem Flughafen aus erreichbar sein dürfe. Diese neuen Anforderungen erfüllten einige der marokkanischen Austragungsstädte nicht mehr. Die Vergabe fand während der ersten Amtszeit des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump statt. Dieser drohte Staaten, welche beabsichtigten für Marokko zu stimmen. Auch in jüngster Zeit machte die Verbindung zwischen der FIFA und Trump Schlagzeilen, als der US-Präsident den neuen FIFA-Friedenspreis überreicht bekam von seinem „Freund“ Infantino.

Ebenso wurde bekanntgegeben, dass Trump die Ehre haben wird, den WM-Pokal am Ende des Turniers zu übergeben.

Infantinos Versprechen bleiben nicht mehr als Versprechen. Reformen und Vergabeprozess sehen auf dem Papier fairer aus. In der Praxis wird viel getrickst und es werden mutmaßlich viele Deals hinter verschlossenen Türen gemacht. Im Hinblick auf die kommenden Weltmeisterschaften bleibt abzuwarten, inwieweit tatsächlich Menschenrechte eingehalten werden. Von Infantinos versprochenem Umbruch lässt sich heute nichts sehen. Korruption bleibt ein zentraler Teil der FIFA. Der Sport bleibt der Spielball von Autokraten und weiteren einflussreichen Personen – und die FIFA mit ihren Mitglieder*innen macht sich zum Mittäter.

Von Hans Pelshenke

Beitrag erstellt am: 19.05.2026 um 16:01 Uhr
Letzte Änderung am: 19.05.2026 um 16:01 Uhr