SEE THE SOUND: Wenn Töne sichtbar werden

Alper Maral im Film „Sound Dreams of Istanbul“ Foto: SoundTrack_Cologne | See the Sound.

Eine Reise durch Bild, Ort, Ton und Zeit

Vier Filme und ein Stummfilmkonzert nahmen mich auf eine Reise mit, deren Zugang mir das Filmfestival SEE THE SOUND eröffnete. Dieses fand vom 09. bis zum 13. Juli 2025 in Köln statt. Meine Reise begann mit einer Verspätung. Doch das möchte ich euch gerne aus einer anderen Perspektive erzählen:

„Uzun zaman önce bir rüya görmüştüm.“ „Vor langer Zeit hatte ich einen Traum gesehen.“ – Anıl Eraslan im Film Sound Dreams of İstanbul.

Sound Dreams of Istanbul: Eine Traumreise beginnt

Mit hastigen Schritten nähere ich mich dem O-Ton.Koeln. Ich komme zu spät zum Film, meinen Einlassnachweis habe ich im Auto liegen lassen. Valentina ist so freundlich, überprüft meine Daten und lässt mich dennoch in den Kinosaal rein. Vorsichtig öffne ich die Tür zum Film und trete in die Dunkelheit ein. Ich schaue mich um: Klappstühle aus Holz sind in überschaubarer Zahl aneinandergereiht. Dann setze ich mich hin. Höre dem Mann auf der Leinwand zu. Es ist Tolga Tüzün, welcher als einer von vielen Interviewpartner*innen über die Bedeutung von Musik spricht. Genauer: Von der Bedeutung von Tönen und Klängen. Von dem Verstummen von Tönen und der Endlichkeit. Tiefsinnige Worte, die die Welt der Musik, der Klänge mit unserem Alltag, ja unserem Dasein, verbinden. Der Film nimmt mich mit auf eine Reise durch Bewegtbilder und Töne, die den Traum vom Filmemacher und Erzähler Anıl Eraslan beherbergen. Er führt die Zuschauer durch die klangvolle Welt von İstanbul. Dabei verschwimmt die Grenze der Großstadtrealität und seiner Traumwelt. Verschwommene Bilder vom Menschentrubel, von der Bosporus-Brücke, vom İstanbuler Verkehr und seinen Straßenlichtern sind zu sehen. Der Lärm und die Hektik der Großstadt sind Begleiter des Filmgeschehens. „Vielleicht ist die einzige Tradition İstanbuls sich stetig zu verändern“, merkt der Erzähler an. Er begleitet die Bilder mit seinen Gedanken. Seine Freunde, zahlreiche Musiker aus der freien Improvisationsszene İstanbuls, sprechen und philosophieren über das Leben in İstanbul, seinen Tönen und der Bedeutung von Musik. Sie teilen wertvolle Erfahrungen, Sichtweisen und Geschichten. Dabei klingt auch das Thema der Musik zu Zeiten repressiver Politik an. Der Film schafft mithilfe seiner Bilder einen engen Bezug zu seinen Tönen und ein besonderes Hörerlebnis. Er wechselt zwischen Ruhe und Unruhe und verabschiedet sich schließlich sanft mit einer Frau in einem Boot. Man kann sie auf dem Wasser treiben sehen und lässt sich von ihrem Gesang einwickeln. Ganz still sitzen wir alle auf den Klappstühlen und warten bis der letzte Ton vom Abspann verklingt.

Emilíana Torrini im Film „The Extraordinary Miss Flower“.  Foto: SoundTrack_Cologne | See the Sound.

„In Ankara I met a magician who told me to always meet extraordinary people.“ „In Ankara traf ich auf einen Magier, der mir sagte, ich solle immer außergewöhnliche Menschen treffen.“ – Miss Flower aus dem Film The Extraordinary Miss Flower.

The Extraordinary Miss Flower und die wundersame Begegnung mit einem Magier

Dieses Mal bin ich mehr als pünktlich und die Erste im Kinosaal. Der heutige Film wird im Odeon aufgeführt. Weitere Kinobesucher*innen trudeln ein. Der Film beginnt: Schwarzer Hintergrund. Ein Metronom: Links, rechts, links, rechts. Das Ticken unterbricht die Stille im Kinosaal. Ein verspieltes Augenpaar folgt dem Takt. Es ist die Sängerin Emilíana Torrini, welche dem Taktgeber gespannt zuschaut. Sie ist es, die gemeinsam mit ihrer engen Freundin Zoe Flower einen Koffer voller Liebesbriefe entdeckte. Liebesbriefe gerichtet an: Miss Flower alias Geraldine Flower, Journalistin und Mutter von Zoe Flower. Sie hatte all diese Briefe von zahlreichen Verehrern in den 60er und 70er Jahren erhalten. Nach ihrem Tod wurde ebendieser Koffer gefunden und diente Torrini vor allem als Inspirationsquelle für ihre Lieder aus dem Album Miss Flower. Iain Forsyth und Jane Pollard visualisierten schließlich das musikalische Wirken der Künstlerin in diesem künstlerischen Dokumentarfilm The Extraordinary Miss Flower. Miss Flower, dargestellt von Caroline Catz, sitzt selbstbewusst und lässig in einer kleinen Bar mit roten Wänden. Durch ihren weißen Anzug hebt sie sich farblich ab. Die Zigarette hält sie kunstvoll in der Hand. Sie erzählt von ihrem Aufenthalt in Ankara und ihrer Begegnung mit einem Magier. Er rät ihr immer außergewöhnliche Menschen zu treffen. Und so beginnt die Geschichte der außergewöhnlichen Miss Flower. Der Film beeindruckt bildlich durch das auffällige Zusammenspiel von Farben, fantasievollen und unverwechselbaren Szenenbildern, Choreographien und Kostümen. Er ist ein kunstvolles Wechselspiel von Brief, Musik und Geschichtenerzählung. Wie eine Spurensuche nähert sich der Film einer Vorstellung darüber wer Miss Flower war und was hinter diesen hingebungsvollen und leidenschaftlichen Briefen steckt. „There is enough love in these letters to fulfill a person for 100 years.“ (Deutsch: „Da steckt genug Liebe in diesen Briefen, um eine Person für 100 Jahre zu erfüllen.“), spricht Torrini zu Miss Flower. Der Fund dieser Briefe erinnert an den Wert von Worten in einer mittlerweile durch Vernetzung wortüberfluteten Welt. Die Worte aus den Briefen erhalten in Lied- und Bildform eine unbeschreibliche Wirkkraft. So verwandeln die Filmemacher den Kinosaal in einen Ort, an dem Magie möglich ist.

Leo Feigin im Film „Leo Records: Strictly for Our Friends“. Foto: SoundTrack_Cologne | See the Sound.

„One day I said to my wife that I wanted to start a label and my wife thought that I was coucou.“
„Eines Tages sagte ich meiner Frau, dass ich ein Label gründen wollte und mein Frau dachte ich sei verrückt.“ – Leo Feigin.

Leo Records: Strictly for Our Friends: Ein Brief, das Radio und eine Labelgründung

Auch für Leo Feigin spielt der Brief als Medium hinsichtlich seiner Ehe eine entscheidende Rolle. Leo Feigin ist Musikproduzent sowjetischer Herkunft. 1974 migrierte er nach London und begann für die BBC (British Broadcasting Corporation) Jazzprogramme zu moderieren, welche auch in der ehemaligen Sowjetunion ausgestrahlt wurden. Seine Frau lernte er auf diesem Wege kennen: „Through the noise and crackling and kind of weird signals I heard his voice.“ (Deutsch: „Durch den Lärm und das Geknister und einer Art von merkwürdigen Signalen hörte ich seine Stimme.“). Sie hörte damals aus der Sowjetunion zu und beschloss, ihm aus Zuneigung zu seiner Stimme einen Brief zu schreiben. Die Regisseurin Ioana Grigore zeigt in ihrem Film, wie die Hingabe des Produzenten die Jazzbewegung seiner Heimat in den Westen brachte. Feigin brennt nicht nur für den Jazz, sondern setzte sich schon als junger Produzent für diesen ein. So sticht das Thema Musik und Politik in dem Film besonders hervor. Denn Jazz hatte damals, insbesondere im Kontrast zur repressiven Politik der Sowjetunion, eine freiheitliche Bedeutung. Ebenso greift der Film One to One: John and Yoko von Kevin MacDonald und Sam Rice-Edwards eingehend die politische Dimension der Musik und das bedeutsame Wirken von John Lennon und Yoko Ono in den 70er Jahren auf. Auch diesen Film habe ich im Rahmen des Festivals sehen können.

Das Stummfilmkonzert Buddenbrooks

Schließlich möchte ich noch meine Erfahrung über das Stummfilmkonzert Buddenbrooks weitergeben. Dieses fand im COMEDIA im Rahmen des Kongresses SoundTrack_Cologne statt und ermöglichte dem Publikum eine Beinahe-Zeitreise. Das Stummfilmkonzert fand mit der Musik von Marco Brosolo live statt. Mit Instrumenten wie Klavier, Schlagzeug, Theremin und weiteren elektronischen Musikinstrumenten schufen die Musiker*innen Brosolo, Lösche-Löwensen und Marx eine neuartige Klangwelt. Moderne, elektronische Sounds untermalten auf harmonische und ausdrucksstarke Weise den „traditionellen“ Stummfilm. Musik und Bild verbanden sich trotz der Gegensätze von „Alt“ und „Neu“ und vielleicht auch gerade deswegen ießend zu einem Ganzen. Auch mein philtrat Kollege Tim Drinhaus war dabei. In seinem Artikel könnt ihr mehr zu den Buddenbrooks und Thomas Mann lesen.

Die Traumreise neigt sich dem Ende

Alles in allem war es eine wirklich tolle und besondere Erfahrung in die Welt der Musik durch das Medium Film einzutauchen. Durch das Programm hatte man eine vielfältige und umfangreiche Auswahlmöglichkeit an Musikdokumentationen, Kurzfilmen und Konzerten. Das Festival findet jährlich statt. Auf SEE THE SOUND könnt ihr euch also auch im nächsten Jahr freuen.

Über SEE THE SOUND: SEE THE SOUND ist ein Filmfestival und findet im Rahmen des Kongresses SoundTrack_Cologne seit 2004 jährlich in Köln statt. Dabei sollen Musikfilme gezeigt werden, die sonst nicht oder nur schwer im Kino zu sehen sind. Veranstalterin ist die TelevisorTroika GmbH. Mit folgendem Link: https:// www.seethesound.de/ könnt ihr auf die Website gelangen.

Von İrem Taş

Beitrag erstellt am: 24.12.2025 um 11:06 Uhr
Letzte Änderung am: 24.12.2025 um 16:29 Uhr