Rotes Meer. Blauer See. Grüne Couch. Gelber Strand.

Eine Collage mit Bildern von: Simon Bierwald (oben links), Caspar David Friedrich (oben rechts), Suse Itzel (unten links), Kamal Aljafari Productions (unten rechts).  Foto: İrem Taş.

Meine Eindrücke zur 49. Duisburger Filmwoche

Vorhang auf

Rotes Meer. Ich sitze in einem roten Meer aus Stoff. Das warme Licht der Glühbirnen bringt die Farbe zum Vorschein. Der Vorhang vorne hängt in schmalen, vertikalen Wellen herunter. Ich merke nicht, dass ich im Kinosaal alleine bleibe und der nächste Film eine Etage höher, wenige Stufen und Minuten entfernt, beginnen soll. Eine junge Frau mit welligen dunklen Haaren spricht mich vorsichtig und unerwartet an: „Der Film läuft gleich oben“, sagt sie freundlich zu mir. So sollte ich den letzten Film der diesjährigen Duisburger Filmwoche noch pünktlich zu sehen bekommen. Schnell steige ich die Stufen hinauf und gerate in eine dunkle Schatulle von Kinosaal. Ich suche mir einen Sitzplatz aus und nach einer kurzen Anmoderation geht es auch schon los.

 Foto: Duisburger Filmwoche © Simon Bierwald.

Stopp-Taste

Doch spulen wir ein Stück zurück (<<). Die diesjährige Duisburger Filmwoche fand vom 03. bis zum 09. November 2025 in Duisburg am Dellplatz statt. Das Festival für Dokumentarfilme stellte vier rote Großbuchstaben auf: HALT. Dies war das Motto, welches die eingereichten Filme die Woche hinweg begleitete. Ein Ausruf, der spürbar ist. Auch die Dokumentarfilme hinterließen eine bleibende Spur; wie ein Echo, welches nachhallt. Meine Wahl fiel auf vier Filme: Le Lac von Fabrice Aragno, Ich hätte lieber einen anderen Film gemacht von Suse Itzel, with Hasan in Gaza von Kamal Aljafari und schließlich Jenseits des Krieges von Ruth Beckermann. Lassen wir diese – aus meiner Sichtweise aufgenommene – vergangene Filmwoche abspielen:

Mitarbeiter Nader Salloum mit zwei Besucher*innen an der Kinokasse. Ihn durfte ich schon bei meinem ersten Besuch der 48. Duisburger Filmwoche mit seiner aufgeschlossenen und hilfreichen Art kennenlernen. Foto: Duisburger Filmwoche © Simon Bierwald. Mit Bearbeitungen (bunte Formen) von İrem Taş.

„Dazu gehört gleichwohl, daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß man hinüber möchte, daß man es nicht kann, daß man alles zum Leben vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel, vernimmt“ – Heinrich von Kleist.

Le Lac von Fabrice Aragno / CH 2025 / 80’

Blauer See. Ich habe keine greifbaren Erwartungen an den Film außer, dass es sich um einen Film handelt, der malerische Bilder während einer Fahrt auf dem Segelboot festhält. Und, dass dabei das Licht eine besondere Rolle spielen kann. So bin ich orientierungslos als der Film beginnt: Eine Hand im Wasser. Eine Frau, die im Zug sitzt. Der Film beginnt still und bleibt auf seine Art und Weise still. Das Paar, welches an einer Segelregatta teilnimmt, redet kaum miteinander. Dafür sprechen ihre Gesten und Berührungen. Bilder vom Wasser, verbunden mit Geräuschen des Sees und des Segelbootes, nehmen auf der Leinwand den ganzen Raum ein. Man muss nicht viel verstehen, sondern kann sich vom Geschehen treiben lassen. Und wo es einem vielleicht zu Beginn schwerfällt, vom großstädtischen Geschehen geprägt, stillzusitzen und sich der Stille zu öffnen, so kann einen das Wasser und sein klangvoller Rhythmus völlig einnehmen und umgeben. Die Kamera wankt mit den Bewegungen der Wellen. Die Bilder, die aus dem Segelboot vom Ufer aufgenommen werden, sind einzigartig: Ein Vater in einer Bucht, spielend mit seiner Tochter; nachts eine Handvoll Menschen tanzend um ein Lagerfeuer; die Lichter, die im Dunklen der Nacht von der Stadt aus auf den See fallen. Auf einmal berühren einen Bilder, in der die Natur in ihrer schonungslosen Größe und Gänze zu erahnen ist. Nach dem Film begeben wir uns von dem roten Vorführsaal nach und nach durch mehrere Türen zu dem schwarzen Diskussionssaal. Für Neulinge eine ganz andere Erfahrung, da man nach dem Film, wie von Zauberhand, im Strudel der Zuschauenden zu diesem Saal gelangt. Und das macht den ganzen Filmbesuch besonders und erlebbar: Statt einem einseitigen Besuch des Films findet ein kollektiver Austausch statt, bei dem die Zuschauenden die Gelegenheit haben, Fragen, Kommentare und auch Kritik unmittelbar an die Filmschaffenden zu richten. Auf diese Weise kann man einiges über Hintergründe in Erfahrung bringen, als auch die Persönlichkeiten hinter dem Film erkennen. In diesem Gespräch fällt mir beispielsweise auf, wie lebendig Fabrice Aragno seine Erläuterungen zum Film Le Lac macht. Er hat eine spielerische Art von den Geräuschen zu erzählen, die er für den Film eingefangen hat. Um diese zu erklären, ahmt er sie erkennbar nach, statt sie in schlichten Adjektiven zu umschreiben. Zudem erfährt man, dass unter anderem der Text Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft ihn inspiriert hat. In diesem nimmt Heinrich von Kleist Bezug zu dem Gemälde Mönch am Meer von Caspar David Friedrich. Zum Ende des Gesprächs wird es kritisch, da Stimmen im Publikum das „Dokumentarische“ am Film ausdrücklich hinterfragen. Darauf wurde, da es sich bei Le Lac vielmehr um einen fiktiven Spielfilm handelt, bereits im Vorfeld durch die Veranstalter hingewiesen. Doch genauso wurde später betont, dass die Tradition der Duisburger Filmwoche bestimmte Spielfilme erlaubt. Auch mit dem Gedanken, diese Filme im Hinblick auf „das Dokumentarische“ gemeinsam zu diskutieren.

Patrick Holzapfel (links) und Fabrice Aragno (rechts) im Gespräch zum Film "Le Lac". Foto: Duisburger Filmwoche © Simon Bierwald. Mit Bearbeitungen (bunte Formen) von İrem Taş.

„Kurz dachte ich, ich könnte es mir einfach machen. Ich könnte den Bericht der psychiatrischen Klinik einfach vorlesen“ – Suse Itzel.

Ich hätte lieber einen anderen Film gemacht von Suse Itzel / DE 2024 / 24’

Grüne Couch. Nach dem Film über den blauen See merke ich, wie sehr ich währenddessen durchatmen konnte und mich darüber freue, ihn geschaut zu haben. Der Film Ich hätte lieber einen anderen Film gemacht von Suse Itzel steht als Nächstes auf dem Programm. „Eine grüne Couch wird zur Skulptur“, heißt es unter anderem in der Programmbeschreibung. Ich überlege mir gut, ob ich ihn sehen möchte, da mir bewusst ist, dass die Leichtigkeit, die ich gerade gewonnen habe schnell schwinden kann. In den 24 Minuten soll es um die persönliche Geschichte der Filmemacherin gehen. Eine filmische Erzählung, welche eine untragbare Schwere mit sich bringt und den unbeschreiblichen Schmerz eines Menschen zum Gegenstand hat, welcher zwischen seinem 11. und 15. Lebensjahr von dem eigenen Vater sexuell missbraucht wurde. An dieser Stelle kann ich nur meine stille Trauer und große Erschütterung aussprechen. Und die Bewunderung für den Mut, den Suse Itzel aufbringt, um dem, was sie erlebt hat eine Stimme zu verleihen. Eine Stimme, die ihre ganz eigenen Worte sorgsam abwägt und zurechtlegt, mit Bildern untermalt und schonungslos ehrlich ihre schützenswerten Gedanken und Empfindungen ausspricht. Bilder von Räumen aus ihrem Elternhaus sind auf der Leinwand zu sehen. Abgenutzte Möbelstücke. Schwarze Silhouetten, entstanden durch das haargenaue Ausschneiden von Familienmitgliedern auf Fotografien. Suse Itzel öffnet ein schmales Tor zu ihren Wunden und uns allen bereitet es tiefen Schmerz unserem Mitmenschen diese Erfahrung nicht wegnehmen zu können. An dieser Stelle wurde der Diskussionssaal zu einem Raum kollektiver Trauer und Liebe.

Über den Schultern von Eva Kirsch. Sie protokollierte unter anderem das Filmgespräch „Prekid Vatre“. Die Protokolle sind eine Besonderheit der Duisburger Filmwoche, welche die Filmgespräche schriftlich festhalten und im digitalen Archiv "protokult.de" einsehbar sind. Foto: Duisburger Filmwoche © Simon Bierwald. Mit Bearbeitungen (bunte Formen) von İrem Taş.

„Filme meinen kahlen Kopf, lass ihn gut aussehen“ – Ein Mann im Film with Hasan in Gaza.

with Hasan in Gaza von Kamal Aljafari / PS, QA, DE, FR 2025 / 106’

Gelber Strand. Der Film beginnt mit einer Szene am Strand. Kinder spielen dort fröhlich. Ein Junge, auch namens Hasan, hat mit seinen bloßen Händen einen Fisch aus dem Meer geholt. Voller Stolz hält er das Lebewesen in die Kamera. Die Kinder rufen zum Kameramann. Er soll Fotos von ihnen machen. Sie verwechseln die Videokamera mit einer Fotokamera. Der Filmemacher Kamal Aljafari schaut mich mit ehrlichen Augen geradewegs an, als er meine Fragen in der Gesprächsrunde beantwortet. Er erklärt mir, dass er sich nahezu an nichts von dem erinnert, was er doch selbst filmdokumentarisch festgehalten hat. Er sagt, dass die Wiederentdeckung des alten Filmmaterials sich für ihn so anfühlte, als würde er sich Aufnahmen anschauen, die von einem Fremden aufgenommen wurden. Nur eine Szene erlebt er als Erinnerung, der Rest bleibt vage und durch Kassetten festgehalten. In with Hasan in Gaza ist der Name Programm. Denn: Hasan, ein örtlicher Guide, führt den ihn bedenkenlos folgenden Kamal auf dessen Reise. Eine Reise, zu der Aljafari aufgebrochen war, um einen alten Bekannten zu finden. Diesen hatte er zur Zeit der ersten Intifada im Gefängnis kennengelernt. Über den Film hinweg fahren wir in Hasans Auto, hören seine Ratschläge, besuchen heruntergekommene Straßen, Gassen und Gebäude. Wo man erneut zu Beginn eine Ungewissheit über die Reise und ihren Verlauf hat, verdichten sich die Sequenzen immer mehr zu einem Tagebuch von einem Ort, den es so nicht mehr gibt. Der Film hält dokumentarisch den Zustand Gazas im Jahr 2001 fest und entwickelt sich ungeplant zu einem Bericht, in dem Menschen, die Aljafari auf seiner Reise begegnet, ihre Klagen, Sorgen und Erfahrungen gegenüber dem von Zerstörung gezeichneten Alltag kundtun. Sie scheinen unausgesprochen als eine ganze Familie zusammengewachsen zu sein. Da wo sie Hab und Gut und Zuhause verloren haben, prägt das palästinensische Miteinander die einzige Habseligkeit, die sie als Gesellschaft noch haben. Kein Mein und Dein, sondern eine Gemeinschaft im Ausharren des von Angriffen begleiteten Alltags. Rückblickend bilden zufällige Bilder von zahlreichen Kindern, welcher der Kamera mit großer Neugier und Freude begegnen, einen starken Kontrast zu ebendieser vergangenen palästinensischen Welt.

2001: Der jüngere Hasan mit anderen Kindern am Strand.  Foto: Kamal Aljafari Productions.

Wieder am Anfang

Spulen wir wieder zum Beginn des Textes vor (>>). In der dunklen Schatulle bringt mich das Projektionslicht in das Geburtsjahr mancher junger Menschen von heute: 1996. In Wien findet Mitte November die Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 statt. Sie ist der erste Teil einer zweigliedrigen Wanderausstellung (auch Wehrmachtsausstellung genannt). Für die österreichische Dokumentarfilmerin und Autorin Ruth Beckermann ein Anlass mit Peter Röhsler als Kameramann zwischen dem 19. und 22. November 1996 die Ausstellung zu besuchen. Dabei fängt sie Gespräche ein, in denen Menschen auf die Ausstellung reagieren und von ihren eigenen Eindrücken aus dem Zweiten Weltkrieg berichten. Peter Röhsler ist es, der als Gast im Anschluss das Gespräch mit Mika Kleffner und Martha Leidorf führt. Die zwei jungen Moderatorinnen suchten gemeinsam mit Samira Yartaoui den Film aus. Damals ist der Zweite Weltkrieg fast 50 Jahre her, sodass auch einige Zeitzeugen die Ausstellung besuchen. Darunter: Ehemalige Soldaten oder Menschen, die zu der Zeit noch Kinder waren. Manche besuchen die Ausstellung, um sich die Gräueltaten bekennend vor Augen zu führen. Andere wiederum, um relativierend zu verharmlosen, was damals im Krieg geschah. So begegnen sich in der Ausstellung zwei gegensätzliche Positionen. Nicht selten wird mit der Kamera festgehalten, wie Diskussionen ausarten, in der eine Person zur Kamera spricht und währenddessen eine zweite darauf empört reagiert. Die Ausstellung entwickelt sich unaufhaltbar zu einem Podium konfliktreicher Dynamik. Dabei steht auch die Frage im Raum: „Wie viel wusste man bereits damals von den Kriegsverbrechen? Wie viel hätte man davon wissen können und müssen?“. Der Dokumentarfilm über die Ausstellung und ihre Besucher*innen ist nicht nur ein wichtiger Spiegel der damaligen Zeit, sondern ein solcher, den wir uns immer wieder in der Gegenwart vorhalten sollten.

Besucher*innen der Duisburger Filmwoche auf dem Weg zum roten Vorführsaal. Foto: İrem Taş.

Abspann

„Wer nach Duisburg fährt, dem wird die Möglichkeit intensiven Sehens, Staunens, Nachdenkens und Redens geboten“, so die Worte von Werner Ružička. Neben ihm leiteten Angela Haardt, Gudrun Sommer und Christian Koch die Duisburger Filmwoche, welche seit 1977 besteht und ab 1978 alljährlich im November stattfindet. Aktuell wird sie von Alexander Scholz geleitet. Ich durfte die Duisburger Filmwoche das erste Mal 2024 durch Mirjam Baumert kennenlernen. Mir gefiel damals der kurze Weg vom Duisburger Hauptbahnhof zum Dellplatz, wo das filmforum seine roten Vorhänge öffnet. Es ist spürbar, dass sich die Filmwoche „dem Kino als Ort der Erfahrung und der Begegnung“ verschreibt. Wer sich ein eigenes Bild von dem Ganzen machen möchte, sollte sich zur kommenden 50. Duisburger Filmwoche eingeladen fühlen.

Die Duisburger Filmwoche ist ein Filmfestival für Dokumentarfilme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Besonderheit der Filmwoche: Es wird ein lineares Programm angeboten, sodass nicht mehrere Filmvorstellungen gleichzeitig laufen. Die Duisburger Protokolle über die anschließenden Filmgespräche können (Film-)Debatten mit unterschiedlichen Anknüpfungspunkten (z.B. Ästhetik, Politik, dokumentarische Methoden wie Schnitt und Kameraführung, Produktionsbedingungen) anregen oder sogar auslösen. Die kommende Duisburger Filmwoche feiert ihr 50. Jubiläum und findet zwischen dem 02. bis 08. November 2026 statt.
Link: „Zeit zu sehen und zu reden“, Werner Ružička: https://web.archive.org/web/20061129142558/https://duisburger-filmwoche.de/festival99/zeit_zu_sehen.rtf/

Für Kunst- und Literaturfans ein paar Links zu den Hintergründen von Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft:
Volltext: https://www.projekt-gutenberg.org/kleist/aufsatz/chap006.html
Hintergründe: https://freies-deutsches-hochstift.de/mediaguide/romantik-ausstellung/2-obergeschoss/seelandschaft/ und https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/museumsinsel-berlin/ausstellungen/detail/empfindungen-vor-friedrichs-seelandschaft/

Von İrem Taş

Beitrag erstellt am: 24.12.2025 um 11:04 Uhr
Letzte Änderung am: 26.12.2025 um 09:14 Uhr