
In den letzten Jahren hat sich in den sozialen Medien eine große Community von Poesieliebhaber*innen gebildet. Sie schreiben über Gefühle und sprechen über Gedanken, die sie mit tausenden von Follower*innen teilen. Wir werfen einen Blick auf das Phänomen der „Instapoesie“ und erklären, wie viel diese neue Form der Dichtkunst tatsächlich mit klassischer Poesie gemein hat.
Einen plausiblen Zusammenhang zwischen Poesie und modernen Technologien herzustellen, fällt vielen zunächst schwer. Das liegt nicht zuletzt an einer verallgemeinerten und rationalisierten Interpretation des Begriffs „Poesie“ als solchem. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist das Verständnis von Poesie noch immer an traditionelle Muster und Formen gebunden und lässt eine moderne Interpretation der Kunstform kaum zu.
Poesie und Lyrik werden oft mit dem Deutschunterricht in der Schule assoziiert und wecken böse Erinnerungen an Reimzwang und Metrum, endlose Verse und an Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, den man als Strafarbeit auswendig lernen musste. Kein Wunder also, dass die junge Generation nicht in Begeisterung ausbricht, wenn sie mit deutscher Dichtkunst in Berührung kommt. Auch die komplizierte Sprache klassischer Gedichte wirkt oft abschreckend und symbolisiert eine unsichtbare Grenze zwischen Kunst und Alltag. Dabei muss Poesie gar nicht so hart und trocken sein, wie die meisten glauben.
Ein Blick auf die Herkunft des Begriffs zeigt: Poesie (griechisch: poesis) bedeutet in seinem Ursprung nichts anderes als den Prozess des Schaffens und Hervorbringens – also genau das, was von Influencer*innen in Form von Content erwartet wird. Es ist dementsprechend logisch, dass sich Poesie ebenso wie andere Kunstformen zunehmend digitale Räume sucht – und das erstaunlich erfolgreich. Wer viel in den sozialen Medien unterwegs ist, weiß längst: #Instapoesie ist schon lange kein Nischentrend mehr, sondern erobert seit Jahren immer mehr Herzen. Doch wie schafft es digitale Poesie so erfolgreich zu sein?

Heartbreaks, Verluste, Zukunftssorgen – Poesie auf Instagram dreht sich vor allem um Themen, die allgegenwärtig sind und fremde Menschen durch ähnliche Probleme miteinander verbinden. Mit dem Teilen privater Gedanken, die öffentlich gemacht werden, schaffen sogenannte „Poesie-Influencer*innen“ damit nicht nur einen Raum für ihre Kunst, sondern auch eine Community des Austauschs. Oftmals sind es die banalsten Dinge, die durch ihre Aussprache oder Verschriftlichung auf millionenfache Bestätigung stoßen. Vielen Userinnen gibt diese Art des Ausdrucks ein Gefühl von Geborgenheit und Trost. Es entsteht eine Community von Gleichgesinnten, die sich zusammenschließt, um Ängste und Emotionen miteinander zu teilen und sich weniger allein zu fühlen.
Einer der bekanntesten deutschen Poesie-Vertreter auf Instagram ist der Sänger und Autor Max Richard Leßmann, der vor einigen Jahren die Reihe „Jeden-Tag-ein-Gedicht“ ins Leben gerufen hat. In täglichen Kurzgedichten verarbeitet er seitdem persönliche Erfahrungen wie Depressionen und Selbstzweifel und schafft durch das Teilen seines Heilungsprozesses gleichzeitig Aufmerksamkeit für ein wichtiges Thema, welches viele Menschen betrifft.
Auch Clara Lösel, Content Creatorin und Dichterin, ist mit ihren selbstgeschriebenen Texten auf Instagram berühmt geworden. Mittlerweile hat die 26-Jährige über dreihunderttausend Follower*innen auf Instagram, ihr im Mai erschienenes Buch hielt sich wochenlang in den Amazon-Bestseller Charts, und in dem neuen Song von Florian Küster ist nicht nur ihr selbst geschriebener Text, sondern auch ihre Stimme als Sängerin zu hören. Auf ihrem Kanal spricht Clara außerdem über persönliche Dinge außerhalb ihrer Kunst – eine Eigenschaft, die digitale Poesie maßgeblich von ihren klassischen Formen unterscheidet. Autor*innen treten hier viel nahbarer auf, wodurch ihre Gedichte einen emotionalen, persönlichen Touch haben und gleichzeitig Authentizität schaffen.
Die Liste aller Instapoet*innen ist lang und auch auf internationaler Ebene haben sich einige von ihnen einen Namen gemacht – zum Beispiel Whitney Hanson. Die Videos der jungen US-Amerikanerin fesseln ihre Follower*innen nicht nur aufgrund ihrer unterschiedlichen Augenfarben, sondern vor allem durch Texte, die tiefe Emotionen mit ästhetischer Verletzlichkeit verbinden. Hanson hat bereits mehrere Gedichtbände veröffentlich, darunter home, climate und harmony.
Ein besonders beliebtes Poesie-Format ist außerdem das Voiceover-Reel. Dafür werden kurze Videoclips mit eingesprochener Tonspur und Untertiteln hinterlegt. Durch die Untermalung der meist sehr persönlichen Videoclips durch Musik und Stimme, können geschriebene Emotionen noch greifbarer gemacht werden. Das Besondere: Fans können die Audios für ihre eigenen Videos direkt übernehmen und so ihre ganz persönlichen Erinnerungen an die Texte der Poesie-Influencer*innen heften.
Diese Form der Sprachkunst ist zugänglich und demokratisch. Auch kleinere Accounts haben dadurch die Chance mit einer Portion Glück und dem richtigen Jonglieren des Instagram- oder TikTok-Algorithmus über Nacht viral zu gehen. So in etwa ging es auch Rebekka Czuba (Instagram: @gehmalzumbekka) und Emma Josephine (@emmasmotions). Ihre Videos zeigen die beiden Frauen in Alltagsszenen – mal alleine, mal mit Freund*innen, am Reisen, am Essen, beim Sport und in der Kneipe. Dazu hört man ihre Gedanken über das Erwachsenwerden und all die Sorgen und Probleme, die es mit sich bringt. Es sind vor allem Themen, die junge Frauen in ihren Zwanzigern ansprechen.

Doch so schön leicht und poetisch es auch klingen mag – ist es wirklich so einfach, mit eigenen Texten auf Social Media erfolgreich zu werden?
Der Erfolg eines Accounts hängt von verschiedenen Faktoren ab. Einfach nur Texten und Posten reicht selten aus. Wer Reichweite will, muss sich erst einmal tief in die Welt der Social-Media-Trends, Algorithmen und Filter-Bubbles einlesen. Vorteile gegenüber analogen Poesiealben oder riesigen Gedichtbänden hat Poesie im Netz allerdings besonders im Faktor Zeit. Insta-Gedichte sind schnell, prägnant, nahbar und vor allem eins: niederschwellig. Sie können jederzeit von überall abgerufen werden, und zwar kostenlos. Dadurch findet ein stetiger Austausch statt, der Poesiefans über örtliche Grenzen hinaus miteinander verbindet. Es gilt jedoch zu beachten: So schnell wie man Fans gewinnt, so schnell kann man sie auch wieder verlieren. Wer auf Instagram durchstarten will, muss daher ständig aktiv bleiben, posten, interagieren und kommentieren. Eine permanente Präsenz ist die Voraussetzung für einen kontinuierlichen Reichweitenzuwachs.
Ob die großen Dichter*innen vergangener Zeiten Social Media als ihre Bühne ausgewählt hätten, bleibt fraglich. Denn auch die Tiefe der Gedichte geht in der Alltagshektik der digitalen Welt teilweise verloren. Statt Qualität zählt Quantität – immer mit dem Hintergedanken, dass die Zielgruppe die Inhalte in den meisten Fällen nur nebenbei konsumiert und viele schon weiterscrollen, bevor sie den ersten Vers wirklich gelesen haben. Bei #Instapoesie dominieren daher Kurzgedichte statt tiefer Poetik – aber ist das wirklich so tragisch?
Eine klare Antwort darauf gibt es nicht. Denn welche Inhalte wir konsumieren möchten, hängt vom persönlichen Interesse und den damit einhergehenden Erwartungen ab. Wie bei jeder Kunstform gibt es in der Poesie kein Richtig oder Falsch, sondern nur die Frage nach subjektiven Meinungen. Fakt ist: Digitale Poesie ist ein soziales Erlebnis und rückt das verstaubte Schul-Verständnis von deutscher Poesie in ein neues, buntes Licht. Wer nach tiefgründiger Metaphorik und herausstechender Wortgewandtheit sucht, wird zudem in der analogen Welt fündig. In jedem Fall gilt: Ein bisschen Poesie schadet nie!
Die Beliebtheit von digitaler Poesie verzeichnet einen positiven Einfluss auf den analogen Buchmarkt. Laut einer Studie des Datendienstes Wordsrated ist die Entwicklung von Instapoesie (engl. Instapoetry) ein maßgeblicher Faktor für die Popularität analoger Gedichtbände. Demnach wurden 2019 in den USA mehr als ein Drittel aller verkauften Gedichtbände bei Amazon von Instapoet*innen geschrieben. In Kanada waren es sogar im Jahr 2020 noch knapp die Hälfte aller Poesie- und Lyrikbände. Auch wenn dieser Trend mittlerweile tendenziell rückläufig ist, lässt sich festhalten, dass der analoge Poesiemarkt in großen Teilen von dem digitalen Poetry-Boom profitiert hat.
Von Julia Flamm
Beitrag erstellt am: 16.12.2025 um 06:00 Uhr
Letzte Änderung am: 16.12.2025 um 06:07 Uhr