
Zum Auftakt der Ausstellung Kolonialrevisionismus im Rheinland 1919-1943. Akteure, koloniale Propaganda und „Mobilisierung der Massen“ fanden im Philosophikum insgesamt drei Vorträge statt, die das von der Landeszentrale für politische Bildung geförderte Projekt kontextuell einbetteten. Nach einem einführenden Beitrag von Prof. Dr. Ulrike Lindner zur Verbindung zwischen Wissenschaft und kolonialem Ideologiegedanken an der Universität zu Köln nach 1919, sowie einem kurzen Exkurs von Dr. Fabian Fechner zum Umgang mit dem Kolonialismus in Form von Denkmälern in Westfalen, sprach Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst – die Historikerin und Kuratorin hinter der Ausstellung – über Überlegungen zur Konzeptualisierung sowie Quellenlage und Entscheidungen zu gesetzten Schwerpunkten der Ausstellung.
Dabei stand vor allem die Frage im Raum, wie der Kolonialrevisionismus – ein Begriff, der das Bestreben bezeichnet, die Kolonien des Deutschen Kaiserreichs wieder zu erlangen – auf regionaler Ebene aussah und in welcher Form der Kolonialgedanke nach 1919 fortbestand. Mit dem Vertrag von Versailles, der das Ende des Ersten Weltkriegs völkerrechtlich markierte, verlor das Deutsche Reich seinen Status als Kolonialmacht. Neben zahlreichen deutschen Gebieten wie Westpreußen und Elsaß-Lothringen musste es auch die deutschen Kolonien vollständig abtreten, darunter Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika. Die Zuständigkeit für die ehemaligen Kolonien wurde in Gestalt von Mandatsgebieten an den Völkerbund übertragen. Diese Friedensregelungen markierten das jähe Ende der kurzen Kolonialgeschichte des Deutschen Kaiserreichs nach 1919. Soweit zumindest die allgemein vorherrschende Wahrnehmung. Doch Bechhaus-Gerst revidiert dieses Geschichtsbild und führt aus, inwiefern der Kolonialgedanke nach 1919 fortbestand. Mit den Gebietsabtretungen der Kolonien 1919 hätten die kolonialen Ambitionen weiter bestanden. In der schulischen Bildung, in der Benennung von Straßen, vor allem in Form von Literatur und Film,Veranstaltungen und Festen sei der koloniale Gedanke weiterhin präsent gewesen, sowohl realpolitisch als auch als Phantasiegeschichte. Multimedial sei an eine vermeintlich ruhmreiche Vergangenheit – die deutschen Kolonien waren tatsächlich klare Verlustbringer – der deutschen Kolonialmacht von verschiedenen politischen, wirtschaftlichen, kirchlichen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Vereinen und Akteuren mit sehr heterogenen Interessen erinnert worden; die Kolonialbewegung bestand in Form von Institutionen und Vereinen weiter.
„Man kann nur staunend fragen, ob jemals in der Geschichte ein nicht bestehendes Reich so gut verwaltet worden ist,“ habe der US-amerikanische Historiker Wolfe W. Schmokel im Jahre 1967 in Bezug auf die deutsche Kolonialvergangenheit nach 1919 geschrieben, wie Bechhaus-Gerst an dieser Stelle wirkungsvoll zitiert. Die Deutsche Kolonialgesellschaft habe nach 1919 – trotz Gebietsabtretungen der Kolonien – de facto fortbestanden und sei später in den 1936 gegründeten Reichskolonialbund übergegangen, unter dem alle Kolonialorganisationen gleichgeschaltet wurden. 1943 aber sei der Reichskolonialbund aufgrund des verlustreichen Krieges im Osten aufgelöst worden, der die Ambitionen einer Wiedererlangung der alten überseeischen Kolonien verdrängte. Gerade das Verhältnis von NS-Regime und Kolonialbewegung nach 1933 sei im Hinblick auf die Hoffnungen, welche die Kolonialbewegung auf die NSDAP setzte und die sich ergebende komplexe Beziehung mit dem NS-Regime, auf lokaler und regionaler Ebene lohnend zu untersuchen. Aus dem von Bechhaus-Gerst eindrücklich skizziertem Spannungsfeld von Realpolitik und „Phantasiereich“ unter Hitler heraus, nehme die Ausstellung die Zeit nach 1933 bevorzugt in den Blick.
Besonders auffallend ist die Ausstellung durch ihre Konzeptualisierung, die der Leitfrage der Ausstellung Rechnung trägt: Wie sah Kolonialrevisionismus auf regionaler Ebene aus? Welche Rolle spielte das Rheinland? Quellentechnisch ist der Fokus auf die regionale bzw. lokale Geschichte des Rheinlands konzentriert. Bechhaus-Gerst arbeitet dezidierte Zahlen heraus, die es schaffen, große abstrakte Schlagworte wie den Kolonialismus lokal einzubetten und greifbar zu machen. Ebendiesen Punkt benennt Bechhaus-Gerst während ihrer Rede als Ziel der Ausstellung: Ein Bewusstsein zu schaffen für die regionale und lokale Verantwortung in Bezug auf den Kolonialrevisionismus. Die Ausstellung und das Begleitbuch, welches nächstes Jahr erscheint, sollen die allgemeine Wahrnehmung, dass die Geschichte des Kolonialismus 1919 mit dem Versailler Vertrag zu Ende gewesen sei, relativieren. Sie werfen ein Schlaglicht auf den nach wie vor trüben Forschungsstand zum Kolonialrevisionsmus auf regionaler Ebene, auf die Zusammenarbeit und auf die personellen Verflechtungen ab 1933 im Rheinland.
Nicht nur verhandelt die Ausstellung einen eindrücklichen und spannenden Teil von Lokalgeschichte, sondern ist vor allem ein wichtiges Forschungsfeld, dem durch seine öffentlichkeitswirksame Darstellung erinnerungskulturell Dienst geleistet wird.
Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 10. Dezember 2025, unmittelbar vor dem Prüfungsamt im Foyer des Philosophikums – sie ist vor allem an das interessierte Laienpublikum und nicht ausschließlich an studierte Historiker*innen gerichtet.
Von Vivi Sarah Uhrmann
Beitrag erstellt am: 10.12.2025 um 07:21 Uhr
Letzte Änderung am: 10.12.2025 um 07:22 Uhr