Alle(?) unter einem Hut

Links ist das Symbol der Weiblichkeit zu sehen, rechts die queere Progessflagge. Dazwischen steht "vs.?"
Das Weiblichkeitssymbol und die queere Progress-Flagge in Behinderten- & BiPoC*-affirmierender Version. Foto: S.T.E. Rubel & disability-progress-pride.de.

Stärken und Risiken von FLINTA*-Räumen für genderqueere Menschen.

Perspektivenhinweis: Dieser Artikel wurde von einer weißen*, agnostischen, dünnen, queeren und agenderfluiden, neurodiversen, vielfach behindert/werdenden Person mit Klassismuserfahrung verfasst. Weitere Perspektiven zu konsultieren, ist bei sozialen Themen wichtig.

Frauen, Lesben, inter* Personen, nonbinäre Personen, trans* Personen und agender Personen. 
Was haben diese Personen gemeinsam? Sie werden geschlechtlich marginalisiert. Der Unterschied: Eine Seite ist queer, die andere nicht unbedingt. 

 Kann „FLINTA*“ inflationär genutzt intersektionale Blickwinkel ersetzen?

Beispiel: Manche upgraden den „Weltfrauentag“ auf den „intersektionalen feministischen Kampftag“, während andere dies zurücknehmen und einen „Welt-FLINTA*-Tag“ starkmachen. Dieser übersieht viele Diskriminierungsdimensionen. Denn selbst wenn es nur gendervulnerable Menschen meinen will, hat „FLINTA“ definitiv tote Winkel. Denn: Wo bleibt der behinderte cis Mann, dem die Männlichkeit abgesprochen wird, weil sich traditionelle Bilder von cis Männlichkeit auf ein gewisses Ideal von vermeintlich körperlicher Stärke und Überlegenheitskriterien gründen? Wo ist die Person, welche ein cis Mann ist und jeden Tag Kleider trägt? Wo sind die oft queeren Personen, welche jeden Tag mit stereotypen Genderrollen brechen und nicht in diesem Begriff gesehen werden? Oder die Bi*PoC, die historisch nie in weiße* Genderideale passen sollten.

Ein Problem entsteht, wenn Gründende glauben, dass geschlechtsbezogene Diskriminierung sinnvoll isoliert bekämpft werden kann. Binäre Geschlechtlichkeit geht historisch nach weißem* Entwurf entlang rassistischer, behindertenfeindlicher, sozialdarwinistischer und fettfeindlicher Rollenbilder und Körperideale. Unterdrückende Vorstellungen von Geschlechtlichkeit lassen sich nicht aus dem Gefüge verschiedenster Diskriminierungsformen entkoppeln.

„Es muss irritieren, dass Unterdrückende und Unterdrückte in einer Gruppe stehen.“

FLINTA*-Räume als Gönnerinnengeste?

Es muss auffallen, dass im FLINTA*-Akronym u.a. cis Frauen ganz vorne stehen. Danach folgen die von ihnen geschlechtlich unterdrückten Gruppen: Die Diskriminierung an genderqueeren und inter* Personen geht traditionell und in voller Heftigkeit von endo cis Personen aus. 

Es muss irritieren, dass Unterdrückende und Unterdrückte in einer Gruppe stehen. Unpraktisch: Als genderqueere Person in einen FLINTA*-Raum zu kommen, in dem es nur um binäre cis Frauen-Themen geht und mensch die einzige queere Person ist.

Gründende dürfen sich fragen: Soll es ein Schwerpunkt der Gruppe sein, dass cis Frauen ihre Täter*innenschaft thematisieren? Ist begriffliche Schwammigkeit der Grund, wieso hier ein safer space behauptet wird, der oft keiner ist? Oder geht es gar darum, mit ins Boot zu ziehen, wer einem bei cis weiblichen Emanzipationsanliegen aufgrund teilweiser Überschneidungen in der Behandlung durch cis Männer von Nutzen sein kann: Ist das effektive „weiblich misgendert Werden“ das, das interessiert, obwohl es ein Gewaltakt an genderqueeren Personen ist? Kurz: Wann geht es nur um das Entgegenwirken zu Sexismus und somit um einen cis weiblichen, oft weißen*, nicht-behinderten Feminismus?

Ein offener cis Frauenraum? Originell?

Für viele ist das pauschale Zusammengewürfeltwerden mit cis Frauen vor dem Hintergrund ihrer Lebenswege wenig originell und unangenehm gewohnt – wenn dies ihr persönlicher queerer closet in der Jugend war. Auf Frauenräume beschränkt zu werden, ist für viele Menschen somit triggernd. Wenn nicht ganz klar ist, wozu die Kombination dient, kann eine Gruppe abschrecken. Das heißt, das einzig Neue an der FLINTA* Einordnung ist oft, als mensch selbst miteingeschlossen beziehungsweise explizit benannt zu werden.

Eine Illustration mit mehreren verschiedenen Personen und Personengruppen in blau und rosa.
Einer binärgeschlechtlichen und mensch unterdrückenden Gruppe zugesteckt zu werden, ist für genderqueere Personen in der Kindheit der Regelfall. Eine Person wird dann vor sich selbst und anderen versteckt und kann sich fühlen, als wäre sie in sich begraben. Foto: S.T.E. Rubel.

Die Frage bleibt: Wer gründet FLINTA-Gruppen – mit welchem Motiv? Wenn es eigentlich um Räume für Frauen geht, welche sich wie Retterinnen fühlen oder nur auf dem Papier solidarisch sein wollen, dann entsteht ein Problem falscher Versprechungen. Es reicht nämlich nicht, Menschen nur im Begriff miteinzuschließen. Stattdessen ist es wichtig, zu verstehen, dass ein Sicherheitsgefühl nur unter gewissen Umständen bestehen kann und ein FLINTA* Raum für viele kein primärer safer space ist.

„Für viele Personen ist das pauschale Zusammengewürfeltwerden mit cis Frauen vor dem Hintergrund ihrer Lebenswege wenig originell und unangenehm gewohnt.“

Sind wirklich FLINTA* gemeint?

Ein häufig wiederkehrendes Problem; Das Misgendern von gendervulnerablen Menschen an der Tür. Oft soll das Ziel sein, alle Menschen außer cis Männern reinzulassen, erstere nach binären Wahrnehmungsstandards draußen zu halten. Dann kommt es in vermeintlichen FLINTA-Räumen zu genau der Diskriminierung, die genderqueere Menschen von cis Frauen gewohnt sind. Wenn sich Veranstaltende fragen, wieso ein trans* Mann dabei ist, verstehen sie ihren eigenen Aufruf mit dem FLINTA-Label wenig. 

Ist das FLINTA*-Label ein wichtiger Begriff für den INTA part?

mehrere Hüte, die unterschiedliche Zugehörigkeiten symbolisieren. Vorne stehen zwei Personen und fragen sich, zu welcher Gruppe Sie sich am meisten zugehörig fühlen.
Zugehörigkeits- und Sicherheitsgefühle sind oft vielschichtig und komplex, sowie intersektional. Wenn in FLINTA*-Gruppen ein einziges Merkmal oben stehen soll, haben Selbstbezeichnungen wie „queer“, „behindert/werdend“ oder „Bi*PoC“ demgegenüber teils den Vorrang. Foto: S.T.E. Rubel & Ann Magill.

Manche nehmen an, dass sich jede Person, welche den FLINTA-Raum betritt, ihm gleich oder mehr zugehörig fühlt als einem anderen Raum in Bezug auf eine andere Eigenschaft der Person. Beispiel: Wieso soll sich eine behinderte nonbinäre Person in einer Gruppe von nicht-queeren, nicht-behinderten cis Frauen sicher fühlen, welche sich als Kehrseite selbst behindernd verhalten?

Sie mag sich fragen, wieso sie nicht benannt wird, ob sie von den Organisierenden mitgedacht ist und welche Barrieren die Gruppe mitbringt. Sie mag eine spezifisch genderqueere-behinderte Gruppe vorziehen. Das kategoriale Zusammenwürfeln will auf Positionierungen in einer Gesellschaft reagieren, die dasselbe tut. Sinnvoll ist es bei vieldimensionalen Menschen nicht immer.

Auch spannend: Wenn am Begriff gedoktert wird (FINTA, FINT), weil Personen glauben, die Situation aller in dieser Gruppe zu kennen und neu bewerten zu dürfen. Dies kann als übergriffig verstanden werden.
 
Konservativ wird von Frauen beziehungsweise weiblich stilisierten Personen erwartet, sich aufzuopfern. Cis Frauen sollten keine Inklusion performen müssen, um allen gerecht zu werden, wenn sie dies gar nicht können. Denn: Wenn ein Raum verspricht, was er nicht halten kann, ist zu fragen, auf wessen Kosten das geschieht und für wen ein Labeln als „offen“ trotz starker Defizite oder fehlender Auseinandersetzung überhaupt gut sein soll.

Transparenz gegen falsch versprochene saferspaces

Eine Stärke ist das Anerkennen von Weiblichkeit als Sphäre, die sich mit weiteren Identitäten und gesellschaftlichen Erfahrungen überschneidet. So kann sich eine demi Frau angesprochener fühlen, als wenn der Titel nur „Frau“ enthielte. 

FLINTA*-Gruppen sind als Versuch, bestehende Strukturen für Frauen für weitere Personen zu öffnen, schätzenswert. Das Umlabeln ersetzt keinen strukturellen Umbruch: Es macht einen Unterschied, ob institutionell oder strukturell nur Personen gewissen Einfluss haben, welche mir gegenüber privilegiert sind oder meine Situation wenig zu verstehen gelernt haben – und: ob Queers institutionell ermächtigt wären, eine eigene Gruppe zu schaffen.

Es sollte darauf eingegangen werden, welchen Sinn eine Gruppe verfolgt. Ist es eine Frauengruppe, die neugierig darauf ist, was sie tun kann, um weniger exklusiv zu sein und Identifikation als Sphäre anzuerkennen? Geht die Gruppe realistisch damit um, inwiefern sie Diskriminierung reproduziert und wessen Interesse ihr ursprüngliches Motiv ist? Wird der Begriff utopisch verwendet, um sich eine offene Gruppe zu wünschen, oder geht es darum, realistisch zu beschreiben, wer schon in dieser Gruppe ist und wer ihr Zentrum sein soll? Dies zu beantworten, gibt Interessierten mutmaßlich Sicherheit.
P.S.: Selbstbezeichnungen aus queeren Gruppen wie „tina*“ (trans*, inter*, nonbinär, agender) dürfen übrigens auch genutzt werden. 

Alternativen zu FLINTA*-Räumen

Themengebundene Initiativen und Kampagnen könnten folgende Richtungen einschlagen  und sich wie folgt einsetzen: zum Beispiel für sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung, gegen Sexismus / Geschlechtsdiskriminierung; eine Selbsthilfegruppe für Sexismuserfahrungen, eine intersektionelle Gruppe zum kritischen Umgang mit Hierarchien und eigenen Privilegien, eine Dialoggruppe zur Annäherung von Gruppen. 
 

Von Sascha Thierry Esequiyl Rubel (they)

Beitrag erstellt am: 09.12.2025 um 20:22 Uhr
Letzte Änderung am: 10.12.2025 um 19:30 Uhr