Gestempelt Tolerant

Der folgende Text enthält explizite Sprache und thematisiert Queerfeindlichkeit.

 Foto: Charlotte Wahlen.

Sie sagen queer sein, sei okay.
Doch sobald er Lady Gaga lipsynct, ist es zu viel.
Sobald sie die Cap rückwärts trägt, ist es zu viel.
Sobald dey sagt, dass dey dey ist, ist es zu viel.
„Irgendwo muss auch mal Schluss sein.“ 

Die meisten Heten sehen nicht, dass ich queer bin.
Das ist ein Privileg.
Ich wünschte das wäre nicht wahr, doch das ist es.
Ich spreche von Privileg, weil es heute wieder viel zu präsent ist.
Mir wird erst langsam bewusst, wie weit das Ausmaß dieses Privilegs tatsächlich reicht. 
Jetzt, da ich mich in einer queeren Bubble bewege.
Mit meinen FreundInnen unterwegs bin.
Ich sehe, wie sie sie anschauen.
Die eine Frage ins Gesicht geschrieben.
Die skeptischen Blicke wandern ihren Körper hinab zu ihren Brüsten.
Sobald sie die entdecken, sind sie in ihrer Neugier befriedigt und verlieren das Interesse. Oder sie sind verwirrt, weil sie kurze Haare und Brüste einfach nicht vereinen können.
Mich stören diese Blicke ungemein. Ihr fallen sie nicht mehr auf.
Ich sehe diese Blicke, wenn er ausschweifende Bewegungen macht, wild gestikuliert.
Dann schieben sich die Augen langsam in seine Richtung, wobei der Kopf starr gerade bleibt. Sehr unauffällig!
Sobald die Augen meinen Blick bemerken, schnellen sie wieder in die Mitte.
Mich stören diese Augen. Ihm fallen sie nicht mehr auf.
Mich treffen solche Blicke nur, wenn ich ihre Hand halte.
Deswegen mache ich es kaum.
Ich suhle mich in meinem Privileg als hetero wahrgenommen zu werden.
Als Durchschnitt.
Als nicht der Rede wert.
Sobald ich ihre Hand nehme, verliere ich dieses Privileg.
Diesen warmen, weichen Mantel mit Taschen voll Sicherheit.
Ich suhle mich in dem Privileg, das anderen verwehrt bleibt.
Denn lege ich den Mantel ab, treffen mich die Blicke, die mich so stören auch.

Bilde ich mir diese Blicke ein?
Manchmal bestimmt.
Und manchmal sicher nicht.

Hier rede ich von Blicken. Kleinen Befindlichkeiten, die mir in einer der tolerantesten Städte Deutschlands auffallen.
Ich weiß nicht, wie es woanders ist.
Queer war ich immer hier.
Was jedoch auch zu unserer Realität zählt, ist Gewalt.
Gewalt in all ihren Formen:
systemische Gewalt,
physische Gewalt,
psychische Gewalt…

Sie sagen sie finden uns „voll okay“.
Nennen sich selbst tolerant.
„Natürlich hab ich nichts gegen Lesben.
Gegen Schwule auch nicht, die sollen mir nur nicht zu nah kommen.“
Sie brüsten sich mit gespielter Akzeptanz.
Wahrscheinlich merken sie nicht mal, dass sie gespielt ist.
„Ich verstehe das trotzdem alles nicht“
Ich glaube du kannst es nicht nachempfinden.
Es ist nicht deine Realität.
Doch die gleichen Empfindungen zu haben wie jemand anderes, ist keine Voraussetzung für Akzeptanz.
„Ist ja okay, aber muss sie das so raushängen lassen?“
Manchmal möchte ich es raushängen lassen.
Manchmal möchte ich queerer aussehen.
Unbedingt.
(Die Frage nach dem, wie man überhaupt queer aussieht klammere ich hier aus.)
Damit andere Queers mich erkennen.
Als eine von ihnen, eine von uns.
Dann hänge ich einen Karabiner an meine Jorts, trage ein Regenbogenarmband und meine Cap.
Wohlwissend, dass meine femininen Züge, meine langen blonden Haare und lackierten Nägel denjenigen das verschleiern, was diesejenigen nicht sehen wollen.
Für sie ist das Regenbogenarmband ein buntes Accessoire.
„Süß, hast du das selbst gemacht?“ 

Ich tue hier so als würde mich das stören.
Tue auch sonst oft so als würde mich das stören.
Vor meinen queeren FreundInnen.
Weil ich nicht zugeben will, dass ich dieses Privileg ganz bewusst ausnutze.
Dass ich es ausnutze als hetero gelesen zu werden.
Auch wenn ich manchmal wünschte, dass erkennen zu wäre, dass ich queer bin.
Aber nur dort, wo ich mich sicher fühle.
Denn zu hören, was meine FreundInnen erfahren müssen, bricht mir mein lesbisches Herz.
„Scheiß Lesben Fotze“
Das ist unsere Realität.
Auch in diesen Zeiten.
Nein – gerade in diesen Zeiten.
CSD Förderungen werden reduziert, Gegendemos genehmigt, Regenbogenflaggen gesenkt.

Wieso ich den Mantel so selten ablege?
Wahrscheinlich aus Angst.
Aus Angst zu stören.
Zu viel zu sein. Zu sichtbar. Zu queer.
Wobei wir doch genau das brauchen.
Wir brauchen uns: viel, sichtbar und queer.

Von Charlotte Wahlen

Beitrag erstellt am: 06.12.2025 um 20:50 Uhr
Letzte Änderung am: 06.12.2025 um 20:50 Uhr