Wie denken Aliens über uns?

Sonnenuntergang auf dem Mars
Sonnenuntergang auf dem Mars Foto: ESA/NASA.

Ein Gespräch mit der Philosophin Chelsea Haramia über Weltraumethik, Werte und unsere Verantwortung im All

Wenn die Philosophin Chelsea Haramia über Weltraumethik und den Kontakt zu außerirdischem Leben spricht, klingt es nicht nach etwas, das weit weg in der fernen Zukunft liegt, sondern nach etwas sehr Gegenwärtigem. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Themen wie Weltraumethik, Astrobiologie, KI-Moral und intergenerationelle Verantwortung: Wie handeln wir ethisch in einem Universum, das wir kaum kennen?

„Nur weil das Leben auf der Erde besonders ist, heißt das nicht, dass nur das Leben auf der Erde besonders ist“

Dabei geht es ihr nicht um moralischen Dogmatismus, sondern um Differenzierung. „Nur weil das Leben auf der Erde besonders ist, heißt das nicht, dass nur das Leben auf der Erde besonders ist”, sagt sie – und stellt damit eine unbewusste Grundannahme der westlichen Philosophie in Frage. Wert im Sinne einer pluralistischen Ethik könne auf vielen Ebenen entstehen: relational, systemisch, intrinsisch.

Zwischen Entdeckergeist und Extraktivismus

Chelsea Haramia warnt vor einem Denken, das den Weltraum in erster Linie als Rohstoffquelle begreift. Ihrer Meinung nach gibt es Grund zur Sorge, dass mächtige Menschen die Regeln der aktuellen Verträge ignorieren, da es keine formellen Konsequenzen gibt, wenn jemand gegen die Vereinbarung verstößt. „Wenn man sich den Extraktivismus ansieht, beansprucht man nicht unbedingt Territorium, sondern nimmt sich ein Stück der Erde, um davon zu profitieren“, fährt sie fort. Extraktivismus beschreibt die Gewinnung, Nutzung oder den Export natürlicher Ressourcen. Die Verträge basierten nicht auf der Praxis, da sie „zu einer Zeit geschrieben wurden, als man noch nicht viel über die Kommerzialisierung des Weltraums nachdachte“, sondern lediglich über die Beanspruchung von Territorium.

„Abhängigkeit wird oft als etwas angesehen, das überwunden werden muss, anstatt als etwas, das wir begrüßen sollten.“

Der Drang, außerirdische Ressourcen schnell auszubeuten, folgt einem Muster, das sie als zutiefst dominant beschreibt. „Diejenigen, die von extraktivistischen Einstellungen profitieren, neigen dazu, diese als einfache menschliche Natur und damit als unvermeidlich darzustellen“, sagt sie, was nicht bedeutet, dass diese Einstellung unvermeidlich erlernt ist. „Nicht alle Kulturen schätzen beispielsweise Unabhängigkeit und Autonomie. Es gibt gemeinschaftsbasierte Ethiken, die nicht nur den Menschen, sondern auch die Umwelt und die Natur berücksichtigen. Jeder Mensch ist sehr abhängig. […] Abhängigkeit wird oft als etwas angesehen, das überwunden werden muss, anstatt als etwas, das wir begrüßen sollten.“

Chelsea Haramia ist Philosophin und Senior Research Fellow an der Universität Bonn. Dort forscht sie am Center for Science and Thought zu ethischen Fragen an der Schnittstelle zwischen KI, planetarer und außerplanetarer Technologie, Umweltethik und globaler Gerechtigkeit. Haramia ist Mitglied des UK SETI Research Network’s Post-Detection Hub, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des SETI-Instituts und Mitherausgeberin der Philosophiezeitschrift 1000-Word Philosophy. Ihre Forschung ist pluralistisch, interdisziplinär und kosmopolitisch sowie kosmisch ausgerichtet.
Chelsea Haramia ist Philosophin und Senior Research Fellow an der Universität Bonn. Dort forscht sie am Center for Science and Thought zu ethischen Fragen an der Schnittstelle zwischen KI, planetarer und außerplanetarer Technologie, Umweltethik und globaler Gerechtigkeit. Haramia ist Mitglied des UK SETI Research Network’s Post-Detection Hub, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des SETI-Instituts und Mitherausgeberin der Philosophiezeitschrift 1000-Word Philosophy. Ihre Forschung ist pluralistisch, interdisziplinär und kosmopolitisch sowie kosmisch ausgerichtet. Foto: Chelsea Haramia.

Warum in den Weltraum schauen? Was unterscheidet sich von ethischen Betrachtungen auf der Erde?

Haramia betont, dass die Auseinandersetzung mit dem Weltraum auch unsere ethische Betrachtung verändert. Während klassische Ethik auf der Erde fast immer vom Menschen im Mittelpunkt ausgeht, sei es über Rationalität, Empfindungsfähigkeit oder das Leben selbst, zwingt uns der Blick ins All zu einer radikal anderen Perspektive. „Nur weil das Leben etwas Besonderes ist, heißt das nicht, dass nur das Leben etwas Besonderes ist. Dasselbe gilt für die Erde“, erklärt sie. In der Leere des Alls entstehen neue Fragen: Ist ein unberührter Planet als solcher schützenswert? Was bedeutet ethische Rücksichtnahme, wenn der Mensch gar keine Rolle spielt? Für Haramia zeigt sich im Weltraum besonders deutlich, wie fragil die menschliche Existenz ist und wie abhängig wir von den Bedingungen eines sehr spezifischen Planeten sind.

„Deshalb ist es etwas Besonderes, über den Weltraum und seine Bewohner nachzudenken. Manchmal erleben wir einen kosmischen Spiegel-Effekt, bei dem wir, wenn wir denken, dass in den Weltraum schauen und suchen, der Weltraum uns uns selber spiegelt.”

Kosmische Verantwortung beginnt auf der Erde

Ein Großteil der Suche nach außerirdischem Leben basiert auf der Idee, dass „unsere Technologie auch für Außerirdische erkennbar ist“. Haramia fragt: „Wie würden wir wohl aussehen, wenn außerirdische Forschende uns sehen würden? Wollen wir so gesehen werden?“ Da wir im Weltraum auf viele Unbekannte stoßen, ist es sinnvoll, mit dem zu beginnen, was wir kennen: unserer eigenen Technologie, unserem Leben auf der Erde und unserem Verständnis dieser Dinge. „Forschende gehen nicht davon aus, dass außerirdische Technologie der Technologie auf der Erde ähnelt“, erklärt Haramia, aber „das Auffinden von erdähnlichen Lebenszeichen reicht aus, um zu folgern, dass es anderswo Leben gibt. Aber das heißt nicht notwendigerweise, dass Leben anderswo der Erde ähnelt“.

Ein neues kosmoplotisches Gefühl

Auf die Frage, ob multinationale Bestrebungen und die Größe des Weltalls nicht zu einer größeren internationalen Kooperation und einem Gefühl des Zusammenhalt führt, sieht Haramia Anzeichen für eine neue, gemeinschaftliche Perspektive. In vielen Gesprächen mit Laien, sagt sie, höre sie Sätze wie: „Wir sind zuerst Erdbewohner.“ Es sei ein hoffnungsvoller Ansatz nicht als Machtprojekt, sondern als kollektive Aufgabe über Nationen, Kulturen und Generationen hinweg über die Zukunft der Menschheit im All nachzudenken. Die Politik sei von diesem Ansatz allerdings oft noch weit entfernt: „Es besteht eine Diskrepanz zwischen den Reden der Mächtigen über den Weltraum und den eher persönlichen Gesprächen.“

Moratiorium? Nicht notwendig!

Trotz aller Kritik an der gegenwärtigen Raumfahrtpraxis plädiert Haramia nicht für einen kompletten Stopp. Vielmehr geht es ihr um Ernsthaftigkeit, Dialog und Sorgfalt. „Ich glaube nicht, dass wir ein Moratorium brauchen“, erklärt sie, „aber wir sind es unserer Spezies und zukünftigen Generationen schuldig, uns nach besten Kräften zu bemühen.“ Wir sollten zumindest versuchen, uns bei der Erforschung und Erschließung des Weltraums von guten ethischen Überlegungen leiten zu lassen. Und dieser Versuch ist entscheidend: „Wenn wir es versuchen und scheitern, dann haben wir zumindest unsere moralische Verpflichtung erfüllt, uns nach bestem Wissen und Gewissen um eine ethisch angemessene Weltraumforschung zu bemühen. Wenn wir es aber nicht einmal versuchen und einfach davon ausgehen, dass wir unsere Einstellung und unser Handeln im Weltraum ethisch nicht verbessern können, dann haben wir nicht nur keine ethischen Verbesserungen erreicht, sondern auch unsere Verpflichtung versäumt, dies zu versuchen.“

* Anmerkung der Redaktion: Ins Deutsche übersetzt von Anaïs Siebers

Von Anaïs Siebers

Beitrag erstellt am: 28.11.2025 um 19:45 Uhr
Letzte Änderung am: 28.11.2025 um 19:45 Uhr

Anaïs Siebers

… promoviert in Philosophie und hat einen Hintergrund in Informatik und Cognitive Science. Sie interessiert sich für Mensch-Maschine-Interaktion, künstliche Intelligenz, Kognition und Wissen. Auch Sprachen, Kulturen und die kleinen Eigenheiten, die jede von ihnen so besonders machen, faszinieren sie. In ihrer Freizeit malt sie gerne und probiert dabei oft neue Techniken und Motive aus.