
Vor kurzem hatte ich das Glück, nach Japan zu reisen. Dort mir ist aufgefallen, wie viele Menschen schintoistische Schreine oder auch buddhistische Tempel besuchen. Auf meine Rückfragen hin wurde mir erklärt, dass sich die japanischen Besuchenden nicht als religiös beschreiben würden. Vielmehr handele es sich bei den Schrein- beziehungsweise Tempelbesuchen um tief verinnerlichte Rituale. Mit diesem Gedankenanstoß begann ich, meine Umgebung genauer zu beobachten und stellte fest, dass Rituale – verstanden als regelmäßige und gleichbleibende Abläufe von Handlungen – fester und vielseitiger Bestandteil des japanischen Alltags sind und dabei unterschiedliche Funktionen übernehmen.

Tokio ist mit circa 35 Millionen Einwohnenden die bevölkerungsreichste Stadt der Welt. Trotzdem funktioniert der Alltag reibungslos; Die Stadt ist nicht bekannt für chaotische Zustände. Wie geht das?
Das Wort Ritual leitet sich vom Wort „Ritus“ ab und bedeutet so viel wie „oft wiederholter, sich immer gleichbleibender, regelmäßiger Ablauf einer Handlung, feierlicher Brauch, Zeremoniell“. Riten haben ihren Ursprung in der Religion, in dessen Kontext sie Anfang des 17. Jahrhunderts auch als „feststehender Ablauf einer […] Handlung“ beschrieben werden („Ritual“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/wb/Ritual, abgerufen am 28.01.2025).
Neben den feierlichen und zeremoniellen Aspekten von Ritualen beschreiben sie vor allem wiederkehrende Handlungen und definieren, wie eine Person sich angemessen in bestimmten Situationen verhält. Dies ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, dass viele Menschen auf engem Raum miteinander auskommen müssen. Wer hat in welcher Situation den Vortritt, um Kollisionen auf der Straße zu verhindern? Wie verhält man sich rücksichtsvoll, um andere Reisende in der Bahn nicht zu stören? Wie stehen die Reisenden richtig auf der Rolltreppe, damit Eilige gut passieren können? Wie reinige ich mich richtig und gehören Koffer in den Wohnbereich?
Ein Unterschied zwischen Japan und europäischen Ländern ist die japanische Esskultur. In Europa bleibt Restaurantbesuchende beispielsweise nach einem Abendessen in einem Restaurant gerne noch etwas sitzen, trinkt gemütlich aus und redet ein bisschen. In Tokio hingegen wird nach dem Essen das Restaurant direkt verlassen, damit der Tisch für andere Hungrige frei wird.
In einer Gesellschaft kommunizieren Menschen gewollt und ungewollt auf Basis von Ritualen. Gesellschaftliche Regelungen und Erwartungen haben den Charakter feststehender Abläufe wie Rituale. Sie sind Gepflogenheiten, die allgemein bekannt sind. Ein Nichtbeachten kann einer Beleidigung gleichkommen. In fast allen Ländern der Welt ist es üblich, sich zu grüßen, wenn man sich sieht. Die Form und Art der Begrüßung können variieren, je nachdem, ob man eine fremde oder sehr vertraute Person sieht. Das Verwenden der falschen Grußform oder gar das Unterlassen des Grußes wird in der Regel als Beleidigung aufgefasst oder sorgt zumindest für Irritation.
Übergibt man ein Geschenk oder auch nur einen Informationsflyer, so wird er mit beiden Händen empfangen und länger angeschaut, um Interesse auszudrücken. Dies verkörpert auch die Beziehung der involvierten Personen und den Respekt oder die Dankbarkeit, die dem Gegenüber entgegengebracht wird. Ebenso akzentuiert die Verbeugung beim Entschuldigen das Gesagte. Je nachdem wie tief man sich in Japan verbeugt, zeigt die Verbeugung auch, wer höher gestellt ist, beziehungsweise wem zum Beispiel aufgrund des Alters mehr Respekt gebührt. In Deutschland gibt es diesbezüglich eine Parallele: Nur die ältere Person darf in einer Unterhaltung das Du anbieten.


Eine weitere Form von Ritualen auf Basis von Bewegungsabläufen sind Handgesten. Diese kann man in Japan, aber auch anderorts beobachten. In Japan gibt es eine bestimmte Arbeitsweise, die 指差喚呼 (shisa kanto) heißt. Übersetzt heißt das so viel wie „zeigen und nennen“ und ist eine Sicherheitsmaßnahme des Arbeitsschutzes. Beobachten kann man es vor allem an Bahnsteigen, da es ursprünglich aus dem Eisenbahnwesen stammt. Die Bahnmitarbeitenden nutzen eine ausladende Gestik und sensorische sowie motorische Akzentuierung, um monotone Regelabläufe wie das Prüfen von Bahnsteigen oder Zügen auszuführen. Der feste Ablauf erhöht die Aufmerksamkeit und es wird keine Überprüfung vergessen. Außerdem fallen dadurch Sachen außerhalb der Norm stärker auf.
Diese Art der Ritualetrainiert die Visuomotorik der Arbeitenden und hat Studien (des Railway Technical Research Institute 1995 und der Universität Osaka 2011) zufolge Fehlerquoten stark reduzieren können. Daher wird sie auch von der Japan Industrial Safety and Health Association empfohlen. Unter folgendem Link, kann man sich auf YouTube Shisa Kanto anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=xpkrIu2p_iM.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Rituale, die allgemein stark mit Religion oder Tradition, assoziiert werden, vielseitiger und auch allgegenwärtigerim Alltag erscheinen. Das fällt besonders auf, wenn man im Ausland ist und die Gepflogenheiten nicht so gut kennt. In Japan erscheinen Einem Rituale nicht nur an Tempeln und Schreinen, sondern man begegnet ihnen auch in der Bahn, im Restaurant, … Es gibt viele geregelte und gleichbleibende Handlungsabläufe, die das Leben in Japan strukturieren, und dem Einzelnen die Sicherheit geben, sich in der Gesellschaft richtig auszudrücken und zu verhalten.
Von Anaïs Siebers
Beitrag erstellt am: 28.11.2025 um 19:44 Uhr
Letzte Änderung am: 28.11.2025 um 19:44 Uhr
Über Anaïs Siebers

… promoviert in Philosophie und hat einen Hintergrund in Informatik und Cognitive Science. Sie interessiert sich für Mensch-Maschine-Interaktion, künstliche Intelligenz, Kognition und Wissen. Auch Sprachen, Kulturen und die kleinen Eigenheiten, die jede von ihnen so besonders machen, faszinieren sie. In ihrer Freizeit malt sie gerne und probiert dabei oft neue Techniken und Motive aus.