„Be*hindert | Be/hindert | behindert-werdend“ – Im Artikel werden verschiedene Ausdrucksweisen für Behinderung genutzt. Dies begründet sich darin, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Begriffe nutzen, und dem soll Raum gegeben werden. Es verweist darauf, dass Behinderung als ein sozialer Ausschluss- und Hinderungsprozess verstanden werden kann. Dies wendet sich dagegen, als nur durch sich selbst gehemmter Mensch und wandelndes Problem dargestellt zu werden und zeigt kritisch auf, dass viele Probleme mehr mit den Ausschlussdynamiken unserer Gesellschaften zu tun haben als mit uns; dass dies nicht zufällig ist und systemisch über die eigene, persönliche Sichtweise auf die eigenen Eigenschaften hinausgeht.
Inklusion fördern? Exklusion beenden! – Ein nötiger Paradigmenwechsel
Wer inkludieren muss, hat zuerst exkludiert und kompensiert im Nachhinein dessen Auswirkungen.
Wieso wundern sich selbsternannte Inkludierende, wieso Personen sozial am Rand sind, während sie vorher genau diese Menschen ausgeschlossen haben oder nie ein bewusstes Problem mit den eigentlichen Ausschlussstrukturen hatten? / rhetorisch. Wer inkludieren muss, hat zuerst exkludiert und kompensiert im Nachhinein oft nur minimal dessen Auswirkungen. Leute „miteinschließen“ zu wollen, hält häufig an einem selbstgefälligen Retter*innentum der Behindernden fest, das die vorherige Exklusion Behindert-werdender als Nährboden braucht, um funktionieren zu können. Die unangetastete Vormachtstellung mancher bietet höchstens den Anlass zum Sich-Herablassen, aber steht genereller Veränderung im Weg. Inklusion als Symptombekämpfung von Exklusion ist keine Lösung für das eigentliche Problem. Das Verhältnis von Inklusion und Exklusion lässt sich nicht als gleichwertig denken: Es gibt mehr Ausschlüsse als Kompensationen dafür und diese passieren häufig aus schlechtem Gewissen oder werden nicht ernst genug gemeint.
Teilhabe wird gesamtgesellschaftlich als etwas Optionales dargestellt und nicht als das Menschenrecht und die lebensverändernde Selbstverständlichkeit, als welche sie geachtet werden sollte. Dies äußert sich in der geringen Priorität, mit welcher Barrieren abgebaut werden. Beispielsweise war der Fahrstuhl in der Universitätsbibliothek unzählige Monate lang kaputt und wurde nicht repariert. Dies verunmöglichte Personen den Zugang zum Großteil der Bibliothek.
Armdrücken oder Händchenhalten? Ein Kampf, der nicht gewonnen werden will. Beide Arme gehören derselben Partei. Foto: Sascha Thierry Esequiyl Rubel.
„Du bist das Problem und wir kompensieren dir…dich (und nicht unser Ausschlussproblem)“ – Der Nachteilsausgleich
Ein Nachteilsausgleich kann als Kompensationsmittel taugen, wenn […] parallel an den Strukturen gearbeitet wird, in denen er gebraucht wird.
Bei einseitiger Beschreibung Behinderter* als „defizitär“ wird vertuscht, dass sich Behindernde auf unsere Kosten selbst normieren und uns und unsere Bedürfnisse selektiv ausgrenzen. Dass manche nie darüber nachdenken müssen, wie die bestehenden Infra- und Sozialstrukturen ihre Anliegen zentrieren, ist nicht selbstverständlich. Es ist ein Symptom einer Gesellschaft, die eine Gruppe so stark normalisiert, dass sie das Sprachregister für einen Austausch über die natürliche Vielfalt und Verschiedenheit von Menschen und ihren Anliegen verloren hat. Es sollte offen damit umgegangen werden, dass sich Menschen auf verschiedene Weisen selbst beschreiben. Ein Nachteilsausgleich kann als Kompensationsmittel taugen, wenn er keine Abwertungshaltung voraussetzt und parallel an den Strukturen gearbeitet wird, in denen er gebraucht wird.
Hilfsmittel gegen Barrieren – erreichbar über Hürden: Das Paradox der abgeschlossenen Be_hindertentoiletten
Ein Argument gegen barrierefreier zugängliche Be*behindertentoiletten dreht sich nur um die Behindernden: Es könnte Missbrauch geben. Es ist klar, wer hier die eigentliche Arbeit verrichten müsste. Behindertengerechte Räume nur über Hürden zu erreichen, ist ein Indiz sich addierender Probleme: 1. Gewisse Bedürfnisse werden ausgesondert und als Ausnahmen dargestellt, die in den meisten Räumen nicht erfüllt werden können, sondern einen eigenen Raum brauchen, der als optional dargestellt wird. 2. Um diese häufig zu spärlich ausfallenden Räume erreichen zu können, wird eine Hürde aufgebaut, die dazu nötigt, Beweise für eigene Bedürfnisse darzubringen. Das beste Beispiel hierfür sind Behindertentoiletten – die abgeschlossen werden und für die es den Euroschlüssel braucht.
Erst einmal auf die Information zu stoßen, dass Euroschlüssel von der Uni ausgeliehen werden, sich dort auf die Warteliste setzen zu lassen, die verbundenen Termine und bürokratischen und sozialen Hürden auf sich zu nehmen, erfordern Aufwand sowie eine Portion Glück. Bis dahin hätte mensch schon auf die Toilette gemusst, wie alle anderen auch – und: Gar nicht alle Menschen können einen Schlüssel umdrehen. In den Toiletten selbst werden Be_hinderte aufgerufen, Barrieren selbst aufrechtzuerhalten „Schließ die Toilette wieder ab!“ = „Behindere deine eigene Community.“
Ich kam, ich entknotete die Sicherheitsleine und ich ging wieder
Auf Be*hindertentoiletten findet mensch die ausgeklügelsten Knoten in Sicherheitsleinen, die sogar Sehfahrenden und BDSM-Expert*innen Konkurrenz bereiten.
Auf Be*hindertentoiletten findet mensch die ausgeklügelsten Knoten in Sicherheitsleinen, die sogar Sehfahrenden und BDSM-Expert*innen Konkurrenz bereiten. / sarkastisch. Die Funktion dieser oft roten oder weißen Leinen an verschiedenen Stellen im Bad ist es, Menschen einen Notruf zu ermöglichen, wenn etwas passiert ist; beispielsweise, wenn eine Person hinfällt oder einen sonstigen medizinischen Notfall erlebt. Das wird schwer möglich, wenn die Sicherheitsleine in einem Meter Höhe über dem Boden baumelt, weil eine andere Person leichter darunter putzen wollte. Der Deal beim Hochknoten: Temporärer kleiner Vorteil vs. (TW) Lebensgefahr. Die Uni müsste ihre Raumpflegenden dazu aufrufen, die Leinen unangetastet zu lassen.
Weiterhin kommt es dazu, dass Personal ohne Anklopfen die Behindertentoiletten aufschließt. Personen berichten davon, dass sich danach nicht entschuldigt wurde, sondern die Nutzung kritisiert wurde. Zum Beispiel als eine Person auf der Liege im Rahmen einer Panikattacke die Therapeut*in anrief. Die Toiletten sollen „frei bleiben“, aber für wen, wenn nicht für die sie Nutzenden?
Wie weiterverfahren? Exklusion beenden
In dem Moment, in dem ich ein Bedürfnis als Standard voraussetze (aktuell wäre dieses ein christliches, weißes, behinderndes, nicht-queeres, endo cis Bedürfnis), schaue ich mich nicht nach meinen Mitmenschen um. Damit sich alle zuhause fühlen können, braucht es gegenseitiges Mitdenken und ermächtigte Mitgestaltung. Es braucht den Standard der pluralen Möglichkeiten und der Offenheit gegenüber vielfältigen Wegen der Bedürfniserfüllung.
Perspektivenhinweis: Dieser Artikel wurde von einer weißen, nicht-religiösen, non-binären, mehrfach-behindert werdenden, neurodiversen, Sexismus erfahrenden und dünnen endo (Gegenteil von inter*) Person verfasst. Die dargestellte Perspektive kann einer Einschätzung der Lebensrealität und Belange aller behindert*werdenden Menschen nicht genügen. Weitere Personen müssen gehört werden.
Von Sascha Thierry Esequiyl Rubel (they)
Beitrag erstellt am: 23.06.2025 um 13:47 Uhr Letzte Änderung am: 23.06.2025 um 13:47 Uhr