Aufbruch in ein neues Leben

Wüstenblume – Eine fesselnde Biographie. Foto: Knaur-Verlag.

Dass ein Aufbruch ein ganzes Leben verändern kann, beschreibt wohl keine so eindringlich wie Waris Dirie in ihrer Biografie Wüstenblume.

Triggerwarnung: Sexuelle und körperliche Gewalt

Das berühmte Model und die engagierte Aktivistin floh im Alter von 13 Jahren vor einer geplanten Zwangsheirat mit einem erwachsenen Mann. Zuvor hatte man sie im Alter von drei Jahren den Traditionen nach im Genitalbereich verstümmelt. Tagelang schleppt sich das kleine Mädchen ohne Nahrung, Schuhe oder etwas zu Trinken durch die Wüste. Dieser Mut und die Verzweiflung, die sie zu ihrem Aufbruch trieben, sollen ihr Leben für immer verändern.

Die kleine Waris wächst mit ihren Geschwistern als Nomadin in der Wüste Somalias auf. Das Leben in der unendlichen Wüste ist hart und unbarmherzig, früh muss sie Aufgaben innerhalb des Alltags übernehmen. So etwas wie Schule, Ferien oder Freizeit kennt sie nicht. Im Alter von drei Jahren bringt ihre Mutter sie zu einer Beschneiderin. Dem kleinen Mädchen werden Teile ihres Intimbereichs entfernt. Ohne Betäubung, mit einer alten und benutzten Rasierklinge, mitten in der Wüste auf einem Stein. Anschließend näht die „Fachkundige“ sie mit einer Dorne und einem Faden zu. Nur eine kleine Öffnung bleibt. Jahrelang lebt Waris mit dieser Verstümmelung, ohne zu verstehen, welch grausames Unrecht ihr zugefügt wurde. Als ihr Vater sie an einen wesentlich älteren Mann verheiraten will, flüchtet sie in ihrer Verzweiflung in die Wüste.Mehrere Tage befindet sie sich auf der Flucht, ehe sie bei Verwandten in Mogadischu unterkommt. Vom einem zum anderen in der Verwandtschaft weitergegeben, landet sie schließlich als Dienstmädchen in London. Dort soll eine schicksalshafte Begegnung in einem McDonalds ihr ganzes Leben verändern.

Während des Lesens, kommen die Leser*innen mehr als nur einmal in die Situation, das Buch weglegen zu müssen und tief Luft zu holen. Zu schockierend, zu unvorstellbar sind die Taten, die Waris Dirie auf eine erschreckend nüchterne Art beschreibt. Und doch möchte die Leserschaft wissen, wie es weitergeht. Fast schon wie eine fiktive Geschichte kommt es einem vor, dass ein so kleines Mädchen einen solch weiten und gefährlichen Weg ganz alleine auf sich nimmt. Waris Diries Aufbruch vom Nomadenmädchen zu einem der bestbezahlten Models der Welt ist dabei keinesfalls nur traurig und voller Schrecken.

Vielmehr lassen sich zwischen all den schrecklichen Erfahrungen auch Momente finden, die uns aufzeigen, wie wenig es manchmal braucht, um glücklich zu sein. Als Waris das erste Mal in ihrem Leben ein Bekleidungsgeschäft betritt und stundenlang Kleidung anprobiert, nur um sie anzuprobieren, ist man tief berührt und gleichzeitig auch beschämt, vieles für so selbstverständlich zu nehmen. Ihr Kampfgeist, die Freude am Leben und ihr Mut, sich gegen die weibliche Genitalverstümmlung einzusetzen beeindruckt und inspiriert. Doch tiefsten Respekt entwickelt man besonders, wenn es zur Wiedervereinigung von Mutter und Tochter kommt. Waris macht für ihre Verstümmelung keinesfalls ihre Mutter verantwortlich, sondern das System, dass Mütter dazu bringt, ihren Töchtern ein solches Leid zuzufügen.

Wer gerne spannende und fesselnde Biografien liest, findet in Wüstenblume das perfekte Buch. Allerdings gibt es, wie wahrscheinlich jede Biografie auch zu denken. Es handelt sich schließlich nicht um eine fiktionale Geschichte, sondern um reale Geschehnisse. Deshalb sollte man sich der schrecklichen und grausamen Beschreibungen durchaus bewusst sein, bevor man Wüstenblume liest.

Und so bleibt man als Leser*in sprachlos, geschockt, aber auch ermutigt zurück. Denn mit Wüstenblume erzählt Waris Dirie nicht nur ihre Lebensgeschichte, sondern auch die Geschichte einer Frau, die nicht nur einmal aufbrach, um ihr Leben und das vieler Mädchen und Frauen zu verändern. Letztendlich fordert uns Wüstenblume dazu auf, selbst aktiv zu werden und sei es nur, dass wir uns über die Tradition der weiblichen Genitalverstümmlung informieren. Denn Bildung ist der Schlüssel zum Aufbruch in ein selbstbestimmtes und freies Leben.

Waris Dirie setzt sich auch weiterhin gegen weibliche Genitalverstümmelung ein und unterstützt mit ihrer 2002 gegründeten Desert Flower Foundation junge Frauen und Mädchen. 2009 kam der Film Desert Flower in die Kinos, der in eindrucksvollen Bildern die Lebensgeschichte von Waris Dirie erzählt.

Wüstenblume, Waris Dirie mit Cathleen Miller.
KNAUR Verlag, Taschenbuch, 03.09.2018, 9,99€, Seiten 392.
ISBN 978-3-426-78985-8.

Von Ann-Kathrin Feldmann

Beitrag erstellt am: 12.06.2022 um 10:00 Uhr
Letzte Änderung am: 12.06.2022 um 10:00 Uhr

Portraitfoto einer jungen Frau mit braunen Haaren

… studiert Medienkulturwissenschaft und ist verrückt nach Filmen, Serien und Büchern aller Art. Wenn sie nicht gerade im Kino zu finden ist, verbringt sie die Tage (und manchmal auch die Nächte) in der Bibliothek. Ihrer Fantasie lässt sie im Schreiben eigener Geschichten freien Lauf.