Das Duddel – ein Nachruf

Das Duddel hatte schon immer einen ganz besonderen Charme. Foto: Rebecca Mackensen

Wie wir ein Unikat verloren

In meiner Erinnerung steuere ich darauf zu: die kleine knarzende Holztüre zwischen den Fensterläden. Eine Türklinke, die keine Klinkenfunktion mehr hat. Die Tür öffnet schwerfällig, schrappt über den Boden. Ein Raum mit durchgetretenen Dielen, voller eingesessener Holzstühle und Polster. Alles hat einen besonderen Eigengeruch. Ich erinnere mich, dass es manchmal keinen Sitzplatz mehr gab, denn in der Regel war das Café Duddel gut besucht – zumindest seit einigen Jahren. Jemand von den ehemaligen Duddels beschreibt es so: „Das Duddel illustriert eigentlich ganz gut, wie Gentrifizierung funktioniert. Am Anfang waren nur Philosophiestudierende dort, abgefuckte Leute die da gepennt haben oder nicht wussten wohin sie gehen sollen…“.

Tatsächlich gab es das Café schon irgendwann seit den 90ern. Es hat ein Loch in unsere Herzen gestanzt, als sich seine Schließung herumsprach. Der Besitzer hat das Haus verkauft. Es musste saniert werden und das Duddel ist als erstes gefallen. Mit ihm ein Ort, der viele Besonderheiten und Eigenarten verkörpert hat. Was bleibt sind Erinnerungen daran, wie es war und was es vielen Menschen bedeutet hat.

In Erinnerungen schwelgen

Ich sitze mit ein paar alten Duddels im Café Treibgut am Bahnhof Süd und lasse mir Anekdoten erzählen. Die meisten von ihnen haben dort gearbeitet oder waren faszinierend treue Stammgäste. Dass das Duddel ein besonderes Flair hatte, war sehr spürbar. Es hatte etwas von einem Kollektiv, das von viel Selbstbestimmung und vielen Freiheiten geprägt war. „Es waren oft Kleinigkeiten“, sagt jemand aus der Runde. „Ich habe manchmal an der Theke Kaffee getrunken und mich mit der Thekenkraft unterhalten. Dann wollten Leute etwas bestellen und die Thekenkraft sagte nur ‚Jaja ich komme gleich‘ und unterhielt sich weiter, weil es der Flow dieser Person war. Aber die Leute, die reinkamen, wussten auch, dass sie mit so etwas rechnen mussten.“

 „Das Duddel war zweifellos ein Unikat und Wohlfühlort.“

Generell habe es viel Freiraum hinter der Theke gegeben. „Wenn man seine erste Schicht hatte, gab es kein ‚Das musst du so und so machen!‘, sondern immer ein ‚Naja, ungefähr so!‘. Es gab sehr viel Spielraum und ich glaube, das hat man auch aus der Gästeperspektive gemerkt. Je nachdem wer gearbeitet hat, waren Sachen ganz anders. Die Kekse, das Baguette…“, erinnert sich Valerie. „Und manchmal auch die Preise!“, lacht Til.

Die Karte war sicherlich ein Symbol für duddelsches Laissez-Faire. „Fast alles, was dort draufstand, war mal eine Idee von jemandem. Ich weiß gar nicht, wie viel da am Ende noch vom Chef übrig geblieben war…“, erinnert sich die Runde.

Den Chef bekam mensch übrigens selten im Laden zu Gesicht. „Früher war er immer in seiner Werkstatt im Keller und wenn man wollte, dass er nach oben kommt, musste man mit einem Löffel gegen das Heizungsrohr schlagen. Das hat er dann unten gehört und kam“, erzählt ein Duddel. Einmal habe der Besitzer auch im Laden auf der Couch gepennt. Ausgerechnet in dieser Nacht sei eingebrochen worden. Einbrüche seien ohnehin mehr als einmal vorgekommen. Als das Geldversteck nicht gefunden wurde, mussten Schinken, Käse und der Sandwichtoaster dran glauben.

Menschen, Kaffee und Toiletten

Das Duddel hat sich über die Jahre verändert. Früher sei der Laden wirklich leer und unbeliebt gewesen, später dann sehr gefragt. Valerie sagt: „Manchmal hat man Leute reden hören, die das Duddel für hipster hielten. Manche kamen rein und dachten, das hätte jemand inszeniert. Dass alles extra staubig gemacht wurde. Denen war gar nicht so klar, dass das Duddel eine lange Geschichte hat.“ Die Gestaltung der Theke und vieler anderer Sachen gehen schon auf die Mutter des Chefs zurück. Er hat es dann übernommen und weitergestaltet. Auch die Toilette, die allerdings immer ein wenig unfertig aussah, hat sich entwickelt… „Ganz früher war die Toilette merkwürdig anders aufgeteilt und es gab kein Waschbecken, sondern nur einen Blecheimer, der an einem Hahn hing. Die Toilette war schon ein richtiges Denkmal! Der Umbau wurde nie so richtig abgeschlossen. Es wurde einmal damit angefangen, sie zu verkacheln und dann hat es mittendrin aufgehört“, denkt die Runde zurück.

Die Duddel Ruine. Foto: Katrin Steinhausen

Auch die Karte sah anders aus, bevor es eine richtige Kaffeemaschine und die fantastischen Kuchen gab. Sie bestand aus Filterkaffee, Aldikuchen und ‚Duddel-Cappuccino‘ – einem Filterkaffee mit Sahne aus der Dose. Nur die Brownies und Kekse gab es schon immer. Wir sind uns aber einig, dass trotz richtiger Kaffeemaschine der Kaffee nie der Beste war.

Das Duddel war ein Ort, an dem Menschen gut für sich sitzen konnten, ohne sich komisch zu fühlen. Viele sind allein dorthin gegangen. Die Runde denkt zurück: „Es gab diese eine Frau, die immer Wein getrunken hat und den ganzen Tag nur dort saß. Und hin und wieder hat sie gelacht – „HAH! Und später kam dieser etwas Dickere, der immer hinten auf dem Sessel saß und in die Luft gestarrt hat. Wir dachten, er wäre total meschugge, aber hin und wieder kamen Leute, die mit ihm geredet haben und da war er ganz normal. Aber er hat wirklich einfach stundenlang auf dem Sessel gesessen und geradeaus geguckt“. Außerdem erzählt Natascha: „Interessant war auch diese eine Frau. Sie war etwa Mitte 40 und hat mir ihre ganze Lebensgeschichte und Probleme erzählt. Dann hat sie mich nach einer Schmerztablette gefragt, die sie nur angelutscht hat und ich habe versucht sie zu beraten“. Viele Leute konnten dort eben sein, wie sie halt sind und so waren manche einprägsamer als andere.

Was bleibt?

Als das Interview zu Ende ist, sehe ich Betrübtheit in einem Augenpaar. Unsere Gesprächsrunde scheint Nostalgie geweckt zu haben. Das Duddel war zweifellos ein Unikat und Wohlfühlort. „Es hatte etwas vom freien Fall… es hatte etwas Lockeres, etwas Schwereloses“, sagt ein Duddel, „aber es war klar, dass das nicht funktioniert. Es hat nur funktioniert, weil dem Chef das ganze Haus gehört hat und er viele Freiheiten gelassen hat. In dessen Windschatten konnten wir viele Sachen machen. Ich glaube, alles hätte so nicht funktioniert, wenn er Miete hätte zahlen müssen.“

Das Duddel war so unprätentiös und ungewollt. Wie traurig es ist, wenn ein solcher Ort verschwindet. Vielleicht tröstet ein wenig, dass zumindest der Knöterich blieb, eine verwucherte Pflanze, die damals die Markise zerstörte. Zwischenzeitlich war sie tot geglaubt, doch sie wurde radikal heruntergeschnitten und sei mittlerweile wieder grün. Vielleicht lebt der Geist des Duddels dort ein bisschen weiter.

Von Rebecca Mackensen

Beitrag erstellt am: 13.01.2022 um 09:00 Uhr
Letzte Änderung am: 13.01.2022 um 09:00 Uhr

Portraitbild

... studiert Philosophie und Erziehungswissenschaften und versucht auch in ihrer Freizeit die Welt zu verstehen. Von einer unstillbaren Neugierde geplagt oder gesegnet, erhalten eigentlich ständig neue Interessen und Hobbys Einzug in das bereits riesige Repertoire.