Menschliche Klone als Organspender*innen

DVD-Cover zum Film "Alles, was wir geben mussten"
Alles, was wir geben mussten – auf DVD/Blu-ray erhältlich. Foto: © 2013 Twentieth Century Fox Home Entertainment.

Eine Welt, in welcher der Sinn des Lebens vorgegeben ist und die Menschlichkeit infrage gestellt wird.

Menschen werden geklont, um als Organspender*innen Kranken das Leben zu retten. Dadurch kann den Geretteten ein überdurchschnittlich langes Leben ermöglicht werden. Was sich zunächst wie ein medizinischer Durchbruch anhört, wirft jedoch moralische Fragen und Konflikte auf.

Auf Grundlage von Kazuo Ishiguros Roman Alles, was wir geben mussten behandelt der gleichnamige Film von Mark Romanek (2010) die Geschichte der drei Hauptfiguren Kathy (Carey Mulligan), Ruth (Keira Knightley) und Tommy (Andrew Garfield) und gleichzeitig die dystopische Gesellschaft, in der sie leben. Die drei Freunde wachsen gemeinsam in dem Internat Hailsham in England auf. Aufgrund ihrer Bestimmung zu Organspender*innen ist die Gesundheit der Schüler*innen von großer Wichtigkeit, weshalb sie regelmäßig ärztlich untersucht werden. Nach ihrer Schulzeit werden Kathy, Ruth und Tommy in einem Bauerndorf in Landhäusern, den sogenannten Cottages, untergebracht. Dort leben sie mit Schicksalsgenoss*innen von anderen Internaten zusammen und haben zum ersten Mal Kontakt außerhalb von Hailsham. Mittlerweile haben sie verstanden, dass der Sinn und Zweck ihrer Existenz darin besteht, ihre eigenen Organe zu spenden. Sobald ihnen das letzte Organ entnommen wird, vollenden sie, was in der dystopischen Welt als beschönigender Ausdruck für Sterben verwendet wird. In Rückblenden erzählt die Protagonistin Kathy die Geschichte der drei Freunde.

Zwei junge Frauen und ein junger Mann sitzen nebeneinander am Tisch.
Kathy, Ruth und Tommy bei ihrem ersten Kontakt mit der Außenwelt. Foto: © 2013 Twentieth Century Fox Home Entertainment.

Für eine Dystopie eher untypisch ist, dass die Handlung des Films nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit spielt, genauer gesagt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Film besteht aus drei Abschnitten, die mit Zwischentiteln eingeleitet werden. Diese beinhalten Jahreszahlen und einen kurzen Titel, der die folgende Handlung in einem Wort beschreibt. Dadurch werden die verschiedenen Etappen, welche die Klone auf ihrem Weg zu Organspender*innen durchleben, dargestellt. Die Zuschauer*innen begleiten sie bei ihren Entwicklungen; dazu gehören vor allem menschliche Verhaltensweisen und Bewegungen, welche die Hauptfiguren versuchen zu verstehen und selbst umzusetzen. Die Vorstellung, dass menschliche Klone Organspender*innen sind, allerdings keine Wahl haben darüber zu entscheiden, was mit ihren Körpern geschieht, wirkt auf die Zuschauenden beunruhigend. Romanek verstärkt die melancholische und trübe Stimmung dadurch, dass es keinen Widerstand gegen die unsichtbare höhere Macht gibt und die Charaktere sich mit ihrer Bestimmung abfinden müssen, die einen unausweichlichen frühen Tod zur Folge hat. Durch den fehlenden Widerstand wird ein großer Fokus auf die Dreiecksbeziehung zwischen den drei Hauptfiguren gelegt. Auch wenn die vollen Nachnamen der Klone nicht genannt werden – wenn überhaupt, werden sie nur mit den Anfangsbuchstaben abgekürzt – so werden im Film keine offensichtlichen Unterscheidungen zwischen Menschen und Klonen aufgezeigt. Jeder Klon erhält trotz seines Daseins als handlungsunfähiges Instrument eine eigene Identität, soweit es in der dystopischen Gesellschaft möglich ist.

Die Mischung aus verschiedenen emotionalen Situationen sorgt dafür, dass die Charaktere nicht als Klone oder Objekte, sondern vielmehr als Menschen betrachtet werden. Sie werden mit Gefühlen wie Liebe, Eifersucht, Trauer und Wut konfrontiert, wodurch die Empathie der Zuschauer*innen geweckt wird. Romanek gelingt es dadurch, eine Intimität zwischen den Zuschauenden und den Filmcharakteren in Bezug auf ein ernstes Thema zu schaffen. Die Charaktere erscheinen somit nicht befremdlich, was genug Raum lässt, um sich mit ihnen identifizieren zu können. Die häufig in Sci-Fi-Filmen dargestellte fortgeschrittene Technik in Form von Robotern und anderen Maschinen ist nicht vorhanden, was zeigt: Der einzige Feind ist der Mensch selbst.

Ein bewegender Film, der die Suche nach der eigenen Identität aus einer neuen Perspektive zeigt und die Bedeutung des Lebens in ein anderes Licht rückt.

Alles, was wir geben mussten – auf DVD/Blu-ray erhältlich
Regie: Mark Romanek
Darsteller*innen: Carey Mulligan, Keira Knightley, Andrew Garfield
Genre: Drama, Romantik, Science-Fiction
Erscheinungsdatum: 15. September 2010 (USA), 14. April 2011 (D)
Dauer: 104 Minuten (kostenpflichtig auf Amazon Prime Video)
Weitere Streaming-Dienste: Disney+ (Abo), kostenpflichtig auf iTunes, Microsoft, MagentaTV, CHILI, Sony

Von Jelena Ćulum

Beitrag erstellt am: 23.05.2021 um 09:28 Uhr
Letzte Änderung am: 23.05.2021 um 09:28 Uhr

... studiert English Studies und Komparatistik. Ihrer Begeisterung für Sprachen und Tanz sind keine Grenzen gesetzt, weshalb sie ihren Horizont gerne mit dem Erlernen von Fremdsprachen und neuen Tanzmoves erweitert. Ruhige Momente genießt sie mit Büchern, Filmen und Serien – gerne auch fremdsprachig.