Zwischen Manolo Blahniks und Feminismus

Fotobearbeitung: Klaudia Kasek

Was passiert, wenn unserer feministischen Autorin die Serienfigur Carrie Bradshaw als Vorbild zum Verhängnis wird? Über Veränderung und Perspektivvielfalt unserer ehemaligen Vorbilder.

Ich habe neulich mal nachgezählt: vier Paar Pumps verstecken sich in meinem Schuhschrank. Alle schwarz, alle nicht besonders hochwertig, alle eher komfortabel als catwalktabel. Also die Gemeinsamkeit im leidenschaftlichen Schuh-Sammeln habe ich schon mal nicht mit meinem früher-auf-jeden-fall, heute-mal-schauen Idol Carrie Bradshaw aus der Kult-Serie Sex and The City. Aber wer weiß, vielleicht liegt es auch an meinem derzeitigen Kontostand, dass ich mir Manolo Blahniks nicht einmal in Second… – ach, was rede ich da- 100-Hand leisten könnte. Vorausgesetzt natürlich: ich will. Aber tue ich das? Wenn es also nicht primär die wahnsinnig große und unverschämt teure Schuhkollektion war, die mich damals an der Kolumnistin Carrie und Sex and The City so faszinierte, was war es dann? Nun ja, zum einen habe ich schon damals gerne geschrieben. Zum anderen: Hallihallo?!, welcher Teenie schaut sich bitteschön nicht gerne Dinge an, die eine*r verschämt sofort ins Nimmerland verbannen würde, wenn die Eltern beim Konsumieren der verbotenen Tätigkeit das eigene Zimmer plötzlich ohne Vorwarnung betreten würden? So war Sex and The City für mich meine persönliche Aufklärungsplattform für Tratsch über das Tabuthema Sex und Sarah Jessica Parker, alias Carrie Bradshaw, mein absoluter Lieblingsstar. Die schlagfertige, charmante und verspielte Frau mit ihrer Lockenmähne sorgte dafür, dass sich mein 15-jähriges Ich jeden Abend vor dem Schlafengehen zwei Stunden lang Zöpfe geflochten hat, um am nächsten Tag mit einem Lockenkopf à la Carrie zur Schule gehen zu können. Nach der Schule versuchte sich die Teenie-Klaudia dann in regelmäßigen Frustrationsroutinen am Schreiben eigener Kolumnen. Meistens mit dem Fazit: Ich bin die schlechteste Nicht-Kolumnistin über Sex der Welt. Kein Wunder, was hatte denn auch mein schüchternes, „noch-nicht-mal-geknutscht“-tes Ich über Sex zu erzählen? Die Frage „Wie werde ich eine Carrie?“ begleitete mich damals nahezu täglich. Heute frage ich mich eher: Darf ich noch überhaupt so sein wollen wie sie?

Von Bradshaw zu Stokowski

Inzwischen hat sich einiges in meinem Leben verändert. Ich bin aus meiner losen Zahnspange rausgewachsen und der Übergang ins Berufsleben ist zum Greifen nah. Und damit stellt sich mir auch die Frage: Wer will ich eigentlich sein? Wer ich bin, konnte ich in meinem gesamten Philosophiestudium nicht beantworten. Auf die Frage danach, wer ich sein will, habe ich dagegen einige neue Antworten entdeckt. Unter anderem fand ich sie im Feminismus und den Gender Studies. Ich fand neue Vorbilder wie Simone de Beauvoir und fing an, queere und Schwarze feministische Studien und Bücher zu lesen. Mit Margarete Stokowski fand ich sogar eine neue Lieblingskolumnistin, die mich nicht nur über Sex, sondern auch über die mit ihm einhergehenden gesellschaftlichen Ungleichheiten aufklärte. Und so frage ich mich: Darf auch die Feministin in mir die klassisch-weibliche Carrie Bradshaw, die sich für Schuhe, Schmuck und Frisuren interessiert, noch zum Vorbild haben? Und wie sieht es mit dem Schauen der Serie aus, die ja unmittelbar mit Carrie einher geht?

Antworten auf die Fragen erweisen sich zunächst als kompliziert, denn die Serie Sex and The City kann frau nicht einfach in die Schublade „aufgeklärt“ oder „sexistisch“ stecken. Zum einen werden durchaus feministische Themen kritisch behandelt, zum Beispiel: Sexismus am Arbeitsplatz. Weiterhin wird Gender in den Fokus genommen, genauer: Was ist Weiblichkeit sowie Männlichkeit – inklusive der damit einhergehenden Erwartungen am eigenen gesellschaftlichen Geschlecht, also Gender. Auch Homosexualität ist ganz selbstverständlich Bestandteil der Serie, wenngleich auch angerissen wird, dass Diskriminierungen hierbei nicht selten sind. So erwähnt Carries homosexueller Freund Stanford Blatch in einer Folge, dass seine Grußmutter nicht an die Homosexualität glaube. Auch die Betrachtung der Charaktere zeigt auf den ersten Blick starke, selbstbewusste Frauen, die sich den vorherrschenden Ungleichheiten widersetzen. So verkörpert Samantha die Forderung danach, dass ein offenes, ausgiebiges Sexleben genauso bei Frauen als normal anerkannt werden soll, wie es das bei Männern bereits ist. Miranda dagegen ist die erfolgreiche Anwältin, welche sich Geschlechterungleichheiten vor allem in der Arbeitswelt widersetzt. Charlotte ist die konservative Romantikerin und zeigt damit, dass der Feminismus auch diese Form der Weiblichkeit zulässt. Und dann ist da noch Carrie, die charmante, aber schlagfertige Kolumnistin, die all die Themen anspricht und Fragen stellt, die sich viele Frauen im Laufe ihres Lebens zu ihrer Gesellschaftsrolle stellen.

Auf der anderen Seite wird in der Serie die binäre Geschlechterordnung keineswegs angezweifelt. Die Konstrukte ‚Frau‘ und ‚Mann‘ werden konsequent beibehalten, was vor allem gegen die Vorstellungen des gegenwärtigen Feminismus spricht. Auch die stereotype Vorstellung des homosexuellen Mannes ist in gender-kritischen Diskursen überholt und dass die Hauptfiguren weiße, heterosexuelle Frauen aus der oberen Mittelschicht sind, spricht eindeutig nicht für Vielfalt unserer Gesellschaft. So werden mit der Serie nur privilegierte Frauen angesprochen und das grenzt all jene Zuschauer*innen aus, die sich weder mit Carrie noch einer ihrer Freundinnen identifizieren können. Diese Kritik findet in gegenwärtigen feministischen Debatten nicht selten statt: In ihrem Buch Bad Feminist schreibt Roxane Gay, Sex and The City zeige „eine mythische Stadt, absolut frei von der reichen Diversität des echten New York“. Dabei ist Intersektionalität im gegenwärtigen Feminismus von großer Bedeutung. Und so ist sie auch von großer Bedeutung für mich, als eine Frau, die sich zwischen all den feministischen Formen genau derjenigen zugeordnet fühlt, die für eine Gleichstellung aller Menschen plädiert, unabhängig von ihrem Geschlecht oder anderen äußeren oder inneren Merkmalen, die derzeit für Ungleichheit sorgen.

Dürfen, sollen, müssenwas tun?

Und nun stehe ich vor meinem Dilemma und frage mich: Darf die Feministin-Klaudia Carrie noch mögen oder nicht? Meine Antwort: Ja, sie darf. Ich darf. Denn eine grundlegende Sache hat mich der Feminismus gelehrt: Ich entscheide selbst, ob ich eine Frau sein will, welche Art von Frau ich sein möchte und wen ich mir als Vorbild nehme. Ich entscheide selbst, ob ich meinen Vormittag backend in der Küche verbringe, meinen Schuhschrank mit High-Heels vollstopfe oder unrasiert ins Schwimmbad gehe. Und ich darf auch Teile der Serie, sogar die komplette Serie kritisieren und aus heutiger Sicht nicht mehr ansprechend, sogar diskriminierend finden. Die fiktive Figur Carrie Bradshaw darf ich aber trotzdem immer noch als mein Vorbild sehen. Carrie Bradshaw verkörpert einen Menschen, der in meinen Augen humorvoll, schlagfertig, kreativ, lebensfroh und neugierig ist. Sie stellt Fragen und begegnet ihrem Umfeld nett und respektvoll, obwohl sie auch aneckt und nicht alle sie mögen. Sie hat Ecken und Kanten und begeht Fehler, aus denen sie nicht immer lernt – was sie ziemlich menschlich macht. Und das macht sie in meinen Augen – unabhängig vom Geschlecht – zu einem ziemlich coolen Vorbild. Auch bezogen auf die Verkörperung der klassischen Weiblichkeit darf ich sie – dessen bin ich überzeugt – mein Vorbild nennen, denn: In meiner Auffassung von Feminismus geht es nicht darum, welche Weiblichkeitsideale ich nicht haben darf, sondern vielmehr darum, dass ich eben alles sein darf, was ich will, ohne von der Gesellschaft dafür als weniger attraktiv, begabt oder klug angesehen zu werden. Egal also ob ich (un)rasiert, (nicht)kochend oder erfolgreich bin, welche sexuelle Neigung ich habe, was ich zur Arbeit anziehe oder wie viele Sexualpartner*innen ich habe: ich sollte immer als kompetent und wertvoll angesehen werden (können) – und das alles ganz unabhängig von meinem Geschlecht.

Von Klaudia Kasek

Beitrag erstellt am: 02.05.2021 um 09:00 Uhr
Letzte Änderung am: 02.05.2021 um 09:00 Uhr

… ihr täglicher Begleiter ist die DB-App, ihr Lebenselixier: ein frischgemahlener Soja-Lattemachiato. Auch wenn die Teilzeit-Veganerin hier und da die KVB verflucht, könnte Sie auf die skurrilen Bahngespräche und den Adrenalin-Kick bei Verspätungen nicht mehr verzichten. Als begeisterte „Alles-Austesterin“ probiert sie sich gerne aus. Einzig dem Journalismus und der Fotografie ist sie seit ihrer Schulzeit treu geblieben und verwandelt ihre Erlebnisse gerne für diverse Medien in Artikeln, Fotografien und Kurzfilme.