Was bloß tun mit all der Zukunft?

„Und, was studierst du?“ – „Geschichte und Germanistik“ – „Ah, spannend! Auf Lehramt, oder?“ – „Äh, nein…einfach so“ – Betretenes Schweigen. „Und… was macht man damit?“ Ich weiß gar nicht, wie viele Gespräche dieser Art ich schon geführt habe: mit Nachbarn, Verwandten, Freunden, Bekannten, ganz gleich welchen Alters. Ich bin diese Unterhaltungen derartig leid, dass ich mittlerweile selbst ein „nicht auf Lehramt!“ hinterherschiebe. Meistens versuche ich es mit Humor: „Na, ich werd‘ Taxifahrer!“. Meine Gesprächspartner lachen ertappt und beeilen sich, zu beteuern, wie „spannend“ sie das finden und dass sie mich für meinen „Mut“ bewundern.

Mut? Weil ich studiere, was meinen Interessen entspricht? Wie kann das mutig sein? Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass mein Karriereweg in Stein gemeißelt ist. Ich könnte überall landen; im Verlagswesen, in einem Museum, oder auch auf dem Fahrersitz einer Taxe. Vorausgesetzt natürlich, Uber hat das klassische Taxi bis dahin nicht komplett verdrängt.

Nach der Schule war ich, wie so viele andere, nicht bloß ratlos, sondern komplett überfordert. Was bloß tun mit all der Zukunft? Die Auswahl der Möglichkeiten war schier überwältigend. Wissen wir eigentlich, wie unfassbar privilegiert wir sind? Ich nahm mir ein Jahr Zeit, besuchte Freunde an der Uni, nahm an Vorlesungen teil. Ich liebäugelte mit Jura, Archäologie und Internationalen Beziehungen. Oder doch eine Ausbildung?

Am Ende entschied ich mich für das, was ich zu Beginn des Jahres abgelehnt hatte: Geschichte und Germanistik. Meine Hobbies zum Beruf machen? Das schien mir blauäugig und riskant, vielleicht auch dämlich: Warum sollte ich aus freien Stücken den schweren Weg gehen, anstatt mich für etwas Sicheres zu entscheiden? Weil es mich erfüllt, mir Freude macht und mich noch immer interessiert. So einfach ist das.

Ist es nicht viel mutiger, ein Fach zu wählen, das absolut nicht den eigenen Neigungen entspricht? Das man des hohen Einstiegsgehaltes oder des sicheren Arbeitsplatzes wegen studiert? Manchmal spiele ich im Kopf ein anderes Szenario durch, spiele „Was-wäre-wenn…?“. Was wäre, wenn ich Jura studiert hätte? Heute weiß ich, dass die großen Zweifel geblieben wären. Ja, ich hätte den Ehrgeiz gehabt mich durchzubeißen und wohl einen ordentlichen Job ergattern können, ein sicheres Einkommen gehabt und mir ein angenehmes Leben finanzieren können.

Aber wisst ihr was? Ich wäre kreuzunglücklich geworden. Weil mein Herz dafür nicht schlägt. Weil ich das nicht bin. Deshalb gebe ich die Frage an all die zurück, die sich in ein Korsett zwängen, das zwickt und ihnen nicht passt: Und, was macht ihr damit? 

Von Malin Krieger

Beitrag erstellt am: 29.04.2021 um 09:00 Uhr
Letzte Änderung am: 04.05.2021 um 08:43 Uhr