Die Psyche in der Krise

Es ist beinahe eine Plattitüde, aber dass sie stimmt, kann nicht verleugnet werden: Regelmäßige, ausgedehnte Spaziergänge an der frischen Luft können Wunder für die Psyche bewirken. Foto: Eva Zirker

Wie dir einfache Mittel helfen, dich in der Pandemie besser zu fühlen.

Der Alltag legt uns allen immer wieder Steine in den Weg, die es zu umgehen oder aus dem Weg zu räumen gilt. Dabei haben einige bessere Grundvoraussetzungen als andere, zum Beispiel Privilegien wie eine stabile psychische Gesundheit. In einer Krise wie der Pandemie, die wir weiterhin durchleben, landet nicht nur unser aller Stimmung schneller im Keller, sondern es machen sich die Unterschiede unserer Dispositionen deutlich bemerkbar.

Maßnahmen für sich selbst ergreifen

Einer gesunden Person mag es morgens vielleicht schwerfallen aus dem Bett zu kommen, weil der Wecker mal wieder um sieben Uhr klingelt und der Kreislauf einfach nicht vor dem zweiten Kaffee anspringen will; aber es stellt keine Herkulesaufgabe dar. Bei einer depressiven Person ist das allerdings häufig der Fall. Nichtsdestotrotz verlangt es keine diagnostizierte Erkrankung, um Schwierigkeiten mit der Bewältigung mancher Lebenssituationen zu haben – wie eben mit der Corona-Pandemie. Wer zuvor ohne große Beschwerden durchs Leben gegangen ist und durch das Fehlen von Strukturen, wie dem regelmäßigen Treffen des Freundeskreises oder der Familie, dem Job oder der Präsenzuni etwa das Gefühl hat, ihm oder ihr würde der Boden unter den Füßen weggezogen werden, ist auf keinen Fall ein Ausnahmefall. Dennoch ist niemand wehrlos und fast alle sind dazu in der Lage, auch im noch so ungewöhnlichen Alltag die folgenden Strategien umsetzen. Diese können nämlich dabei helfen, dennoch ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität zu etablieren. Es ist hierbei wichtig zu sagen, dass es sich bei diesen Tipps zwar um Ratschläge handelt, die immer wieder von Expert*innen empfohlen werden, aber es sich hier nicht um eine psychologische Beratung handelt. Solltet ihr merken, dass euch die Bewältigung eures Alltags aufgrund psychischer Beschwerden zunehmend schlechter oder gar nicht mehr gelingt, wendet euch an eine vertraute Person, euren Hausarzt oder eure Hausärztin oder beispielsweise an die psychologische Beratung des Studierendenhilfswerks. Sich Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eines von Durchhaltevermögen und Mut. Niemand muss dazu verurteilt sein, ohne Hoffnung auf Besserung zu leiden.

Selbstfürsorge statt Selbstoptimierung

Zeitweise schien es, als würden alle die Zeit des Social Distancings  dazu nutzen, sich diverse neue Sprachen oder Fähigkeiten anzueignen. Damit stieg für viele der Druck, an sich selbst zu arbeiten, gleichsam mit den Schuldgefühlen, die eintraten, wenn dies nicht erreichbar war. Dabei ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Notlagen nicht dazu da sind, aus ihnen Profit zu schlagen, sondern es darum geht, sie zu überstehen. Nichtsdestotrotz kann es sehr hilfreich sein, sich bestimmte Hobbys beizubringen oder wieder aufzunehmen. Besonders handwerkliche Tätigkeiten wie Stricken, Zeichnen, Basteln oder Nähen erfordern, dass man sie bewusst erledigt, was sowohl Ablenkung schafft als auch Langeweile vermeidet. Wem es hilft, kann sich dazu auch eine Liste an Tätigkeiten erstellen, auf die dann zurückgegriffen werden kann. Wenn die gewohnten Strukturen des Alltags plötzlich fehlen, scheint der Tag nämlich schnell leer und die Möglichkeit, bis Nachmittag im Bett zu vegetieren, umso anziehender. Es ist völlig in Ordnung, das mal zu tun, doch ein geregelter Tagesablauf hilft dabei, dem Chaos der Psyche oder der gegenwärtigen Lage entgegenzuwirken. 

Healthy body, healthy mind

Außerdem ist es wichtig, sich ausgewogen zu ernähren, genügend zu bewegen und reichlich zu schlafen. Wer das zur Gewohnheit macht, wird nicht nur merken, wie leicht es sein kann, gesund zu leben, sondern auch, wie intensiv die Verbindung zwischen körperlichem und mentalen Wohlbefinden sein kann. Wie gut Frischluft tun kann, wissen alle, die schon einmal am Meer, auf dem Land oder in den Bergen waren. Doch auch in der Stadt ist zu empfehlen, ab und zu einen Spaziergang einzulegen oder kräftig zu lüften – manchmal ist es, als würde der ein oder andere schlechte Gedanke einfach weggeweht werden.

Aber auch innerhalb der eigenen vier Wände gilt: Sich Gutes tun ist das A und O für Körper und Psyche, beispielsweise mit ausgewogener Ernährung, einem guten Buch oder der neuen Lieblingsserie. Foto: Eva Zirker

Physical Distancing bedeutet nicht gleich Social Distancing 

Ein großes Problem ist zudem das Thema Einsamkeit. Das Social Distancing betrifft nicht nur Menschen, die alleine lebten, sondern auch solche, die in WGs oder mit ihren Familien wohnten. Sich ständig mit denselben Leuten zu umgeben, kann auch zu einem Gefühl von Einsamkeit führen, ohne dabei tatsächlich allein zu sein. Eigentlich ist es Physical Distancing, das betrieben werden soll: Das Pflegen sozialer Kontakte gibt in jeder Lebenssituation Halt und Abwechslung, ob mittlerweile wieder in Person oder auch über Telefon und Videoschalte. So ungern wir es uns eingestehen, ist es außerdem hilfreich, seine Nutzung von Social Media einzuschränken. Einerseits hilft das dabei, sich weniger mit anderen zu vergleichen, andererseits zieht es Energie für soziale Interaktion, ohne das Bedürfnis nach menschlicher Nähe zu befriedigen. Besonders Menschen, die merken, dass ein überhöhter Konsum von Nachrichten überwältigt oder sogar ängstlich macht, sollten darauf achten, sich besser wenige Male am Tag bewusst mit den aktuellen Themen auseinanderzusetzen als passiv und ständig. Um einen Dauerregen an Infos zu umgehen, wäre es beispielsweise eine Option, abends einmal pro Tag die Tagesschau zu gucken, oder mit den Menschen, mit denen man lebt, nachrichtenfreie Zonen zu vereinbaren, etwa das Schlafzimmer oder die Küche.

Und dennoch: Die Wichtigkeit des Grenzensetzens

Das Ziehen von Grenzen ist auch im Unialltag wichtig: Häufiges Prokrastinieren führt dazu, dass die Welten zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Auch hier ist es empfehlenswert, sich bewusst zu machen, dass man zu bestimmten Zeiten arbeitet und zu anderen nicht. Nichtstun bietet nämlich wenig Erholung, wenn der Kopf die ganze Zeit damit beschäftigt ist, sich Vorwürfe darüber zu machen, dass eine gefühlte Unmenge an Arbeit bevorsteht. Grobe Pläne zu all dem zu erstellen, was zu erledigen ist, bricht diese Masse runter und lässt die Bearbeitung machbarer erscheinen – sich allerdings zu zwingen, seine Listen exakt abzuarbeiten, würde wieder einen unnötigen Stressfaktor darstellen. Seid also bloß nicht zu streng mit euch.

Eine Prophylaxe für die Seele

Insgesamt bietet eine Situation wie die unsere durch ihre Instabilität und Ungewissheit einen perfekten Nährboden für eine ausgewachsene psychische Erkrankung. Aber wer sich die ein oder andere Strategie wirklich zu Herzen nimmt und besonders auf die eigenen Bedürfnisse von Körper und Geist achtet, kann nicht nur viel verbessern, sondern auch vorbeugen. Eine Prophylaxe für die Seele sozusagen – denn letztendlich ist sie genau so verletzlich wie der Körper auch und, nur weil die Wunden nicht unbedingt sichtbar sind, heißt es nicht, dass man sie nicht ernst nehmen sollte.

Von Eva Zirker

Beitrag erstellt am: 08.12.2020 um 11:50 Uhr
Letzte Änderung am: 08.12.2020 um 11:50 Uhr

Portrait

... studiert Anglistik und Germanistik. Ständig umgeben von ihren Freund*innen oder Büchern, schafft sie es dennoch zu viel online zu sein.