Zwischen Dystopie und radikaler Ehrlichkeit

Mit GRM bietet Sibylle Berg ihren Leser*innen eine konzentrierte Ladung an Gesellschaftskritik. Foto: Kiepenheuer & Witsch.

Sibylle Bergs neuer Roman GRM bietet messerscharfe Gesellschaftskritik von Digitalisierung über Armut bis hin zum Neoliberalismus.

Wer auf der Suche nach einer seichten Abendlektüre ist, der*die sollte sich gut überlegen, ob GRM von Sibylle Berg für ihn*sie der passende Lesestoff ist, denn (Triggerwarnung): Der Untertitel hält, was er verspricht, nämlich einen waschechten Brainfuck. Bereits nach den ersten Seiten des 634-Seiten langen Romans wird klar: GRM (Ausgesprochen Grime) ist kein Buch für schwache Nerven. Dabei beschreibt Berg in ihrem Roman, der dieses Jahr mittlerweile in 8. Auflage erschienen ist, eigentlich nichts anderes als die Realität. Thematisiert werden keine unbekannten Zustände, denn Armut, die Folgen der Digitalisierung, die nicht vorhandene Chancengleichheit, Überwachungspolitik, Gewalt, Pädophilie, Missbrauch oder Suizid sind keine neuen Phänomene. Neu ist jedoch, wie die Autorin diese Komponenten als präzise Beobachtungen in fiktive Erlebnisse von vier Jugendlichen verpackt und damit gekonnt zum Ausdruck bringt: So wie sich die Gesellschaft gerade bewegt, läuft etwas ziemlich falsch und ist ganz schön gefährlich. 

Was dabei herausgekommen ist? Die Geschichte von Hannah, Don, Karen und Peter – vier Jugendlichen aus der Kleinstadt Rochdale in Großbritannien. Um dem sozialen Abgrund, in dem sie aufwachsen, zu entkommen, flüchten sie in die Grime-Welt. Grime ist, angelehnt an die neue, revolutionäre Musikrichtung aus England, die Musik, die den Roman-Protagonist*innen, ähnlich wie in der Realität, als Ventil dient, ihrer Wut und Machtlosigkeit Ausdruck zu verleihen und so besser in der Welt zurecht zu kommen. Im Stich gelassen von Erwachsenen, die längst zum Opfer ihrer Sozialisation wurden und getrieben vom Hass auf das unfaire Gesellschaftssystem, in dem sie aufwachsen und ihre scheinbar perspektivlose Zukunft, finden die Hauptfiguren in der Gemeinschaft eine Familie und in Grime ihren Lebensantrieb. So nehmen die Jugendlichen ihr Schicksal selbst in die Hand. Ihre Reise führt sie nach London, wo sie Zeugen einer echten Überwachungsdiktatur werden: Die Mittelschicht verarmt und verblödet, die Wohnsituation ist fatal. Die Kinder haben nichts oder nur Ungesundes zu essen, während aber gleichzeitig der Fleischkonsum zunimmt. Frauen, Schwule und Fremdaussehende werden diskriminiert, während zwei mächtige Männerbünde, der Adel und eine neue Tech-Elite, die Welt regieren. Pädophilie, sexuelle Übergriffe, Kinder, die auf sich allein gestellt sind inmitten einer Welt, in der Traumata zum Alltag gehören. Und so lassen sich die Menschen Überwachungschips einpflanzen, um an ihr Grundeinkommen zu kommen, während die vier Jugendlichen ihre eigene Art von Revolution starten. 

Trockener Humor und eine queer-feministische Perspektive

Dass Berg keinen Blatt vor dem Mund nimmt, ist nach wenigen Seiten bereits klar. Leser*innen müssen sich auf detaillierte, unzensierte, gewaltvolle Passagen einstellen, in der beispielsweise ein junges Mädchen ihren Vater nach einem Suizid tot auffindet oder beschrieben wird, wie ein Junge Opfer sexueller Gewalt wird. Doch genau das ist es, was das Buch so besonders macht. Authentisch und nachvollziehbar beschreibt Berg Gewaltszenen, Rassismuserfahrungen und sexuelle Vielfalt aus einer implizit queer-feministischen Perspektive, wodurch das Buch jede*n, der/die für diese Themen sensibilisiert ist, sicherlich anspricht. Die eindringliche Schreibart, der trockene Humor und Direktheit in der Sprachwahl ermöglichen den Leser*innen, sich gut in die Protagonist*innen hineinzuversetzen. 

Auch sprachlich uns stilistisch bietet die Autorin Authentizität, Kreativität und Experimentierfreude. So stellt sie die Verwobenheit der einzelnen Schicksale auf eine ganz eigene Art dar. Trotz des nicht geringen Buchumfangs von 634 Seiten gibt es keine Kapitel. Die einzelnen Sequenzen werden dennoch anschaulich präsentiert und sprachlich miteinander verwoben. Sätze werden zu Beginn jedes Inhaltsabschnittes gesplittet und umranden fettmarkierte Namen der Figuren mit kurzen Stichpunkt-Charakterisierungen (die aufgrund ihres trockenen Humors ebenso zum Schmunzeln anregen). So wird von einer Erzählung über eine*n Protagonist*in zur nächsten übergegangen. In den Abschnitten beschreibt Berg nicht nur das Leben der Hauptpersonen, sondern auch derer, die zum Umfeld der Jugendlichen zählen, womit der auktoriale Erzählstil zusätzliche Perspektiven bietet. 

Mehr Brainfuck als Roman?

Was GRM mit Leser*innen macht? In erster Linie rüttelt es wach und erdet. Es erdet, es ohrfeigt, es zwingt hinzuschauen, auf eine Welt voller Armut, Chancenungleichheit, Machtlosigkeit dem eigenen Schicksal gegenüber und der wachsenden, überwachsenden Digitalisierung. Sibylle Berg bietet den Leser*innen die konzentrierte Ladung an Gesellschaftskritik aus allen möglichen Perspektiven und Bereichen. Und doch distanziert sie sich gleichzeitig selbst von der oft als pessimistisch wahrgenommenen Botschaft und stellt klar, dass es ihr mit GRM nicht darum ging zu zeigen, dass die Welt immer schlimmer werde.[1] Vielmehr sei es ein Forschungsbuch: „Ich wollte herausfinden, für mich herausfinden, was hat es mit der ganzen Digitalisierung auf sich, vor der alle Angst haben – die Algorithmen, die Roboter, die kommen – , was ist mit dem Überwachungsstaat, vor dem sich alle fürchten, was ist mit dem Neoliberalismus, was wollen die Faschos eigentlich (…)“.[2]  Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht keine schlechte Idee, GRM ebenso als eine Art Forschungsliteratur zu lesen – als eine, die neben dem umfangreichen Inhalt auch mit literarischem Können, queer-feministischen Ansätzen und jeder Menge trockenem Humor dienen kann. 

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck.
Kiepenhauer & Witsch, 640 Seiten, Gebundene Ausgabe: 25 Euro, E-Book: 22,99 Euro, Taschenbuch: 14 Euro.
Erstmals erschienen: 2019. Rezensionsbasis: 8 Auflage 2020.
ISBN: 978-3-462-05143-8.

Link zur offiziellen Leseprobe: https://www.book2look.com/book/9783462051438


[1] In: Sibylle Berg über ihr Buch „GRM – Brainfuck“ | E425 | Willkommen Österreich. 10.04.2019. Link: https://www.youtube.com/watch?time_continue=246&v=_sE4B6_IXdw&feature=emb_logo

[2] Ebd. 

Von Klaudia Kasek

Beitrag erstellt am: 21.08.2020 um 11:43 Uhr
Letzte Änderung am: 22.08.2020 um 10:21 Uhr

… ihr täglicher Begleiter ist die DB-App, ihr Lebenselixier: ein frischgemahlener Soja-Lattemachiato. Auch wenn die Teilzeit-Veganerin hier und da die KVB verflucht, könnte Sie auf die skurrilen Bahngespräche und den Adrenalin-Kick bei Verspätungen nicht mehr verzichten. Als begeisterte „Alles-Austesterin“ probiert sie sich gerne aus. Einzig dem Journalismus und der Fotografie ist sie seit ihrer Schulzeit treu geblieben und verwandelt ihre Erlebnisse gerne für diverse Medien in Artikeln, Fotografien und Kurzfilme.