Literatur und Theater in Zeiten von Social Distancing

Die Moderatorin Melissa Steinsiek-Moßmeier im Studio der Alten Feuerwache. Foto: Kevin Kader.

Das auftakt festival für szenische texte bringt Lesungen und künstlerische Textinszenierungen dieses Jahr in die Wohn- und Schlafzimmer des Publikums.

Freitagabend. Ich sitze in meinem Zimmer vor meinem Laptop, hoffe, dass mein eher mittelmäßiges WLAN heute durchhält und warte auf den Beginn des auftakt festivals, das dieses Jahr zum ersten Mal digital stattfindet. Hinter dem auftakt festival stecken der Kölner Literaturverein Land in Sicht und die NRW-weite Theaterinitiative Cheers for Fears. Gemeinsam ermöglichen sie es jungen AutorInnen, ihre szenischen Texte von verschiedenen KünstlerInnen umsetzen zu lassen, was den Austausch und die Vernetzung der beiden Gruppen fördern soll. 2020 erfolgt das auftakt festival bereits zum vierten Mal seit seiner Premiere im Jahr 2017. 

Am ersten Tag des Festivals lesen die ausgewählten AutorInnen – insgesamt sind es fünf – unterschiedliche Texte vor. Zuerst müssen aber noch einige technische Probleme überwunden werden: Der offizielle Beginn ist um 19 Uhr, doch wie mir der Chat zum Live-Stream verrät, bin ich nicht die einzige, bei der noch nichts funktioniert. Um viertel nach sieben meldet sich das Festival selbst im Chat zu Wort und bittet um Geduld. Kunst in Zeiten von Corona ist nicht immer einfach. 

Jemand aus dem Publikum genießt laut eigener Aussage zuallererst einmal einen digitalen Sekt (um das Festival zu unterstützen, kann man sich digitale Erfrischungen oder Tickets besorgen). Gegen halb acht funktioniert der Live-Stream dann endlich. Wir sehen die Moderatorin Melissa Steinsiek-Moßmeier, die sich im Innenhof der Alten Feuerwache in Köln befindet, wo das Festival dieses Jahr eigentlich hätte stattfinden sollen. Melissa holt das Publikum dort ab, wo es normalerweise auf den Einlass gewartet hätte. Das ist eine schöne Geste. Im Chat äußert das Publikum stetig seinen Zuspruch und bekommt von den VeranstalterInnen Antworten auf diverse Fragen.

Als nächstes finden wir uns im Studio in der Alten Feuerwache wieder. Die zweite Moderatorin Tabea Venrath wird aus Berlin dazugeschaltet. Sie und Melissa moderieren trotz örtlicher Trennung zusammen, obwohl sie sich nicht am selben Ort befinden. Die beiden erzählen, dass es anfangs die größte Herausforderung war, zu überlegen, ob das auftakt festival digital stattfinden kann. Schließlich ist das nicht so einfach: Probleme wie eine schlechte Verbindung und Bildqualität oder ausfallende Kameras müssen überwunden werden. Und auch für die Teilnehmenden ist es ungewöhnlich, können sie sich doch nur digital treffen und vorbereiten. 

Bei der Vorstellung der AutorInnen wird klar: Sie haben alle unterschiedliche Hintergründe und Herkünfte, aber auch einige Gemeinsamkeiten wie zum Beispiel Erfahrungen im Theaterbereich oder künstlerische Studiengänge. Ich bin schon gespannt auf die Lesung, die sich als interessante Mischung herausstellen wird. Den Anfang macht Liat Fassberg mit einem Auszug aus einem Theaterstück, das Gewalt gegen Frauen thematisiert. Besonders in Zeiten von Isolation, in denen häusliche Gewalt zunimmt, ist das hochaktuell (weswegen Liat es auch für heute Abend ausgewählt hat). Der Text geht mir unter die Haut. Interessant finde ich auch die Umsetzung: Die Autorin tritt bis zum Schluss nicht in Erscheinung, stattdessen sieht das Publikum vier Fenster einer Videokonferenz, die alle scheinbar leere Räume zeigen. Die Abwesenheit eines Gesichts zu der vorlesenden Stimme steigert die Intensität des Stücks. Hin und wieder hält jemand auf Papier gedruckte Regieanweisungen in die Kamera. 

Die Technik in der Alten Feuerwache sorgt dafür, dass alles gut über die „Bühne“ geht. Foto: Kevin Kader.

Der zweite Text des Abends stammt von Till Wiebel. Ihn sehen wir nun aber, genau wie die anderen AutorInnen. Till hat einen Ausschnitt aus einem Theaterstück gewählt, in dem ein kollektives Wir über einen dystopisch anmutenden Zwischenzustand diskutiert. Das Zitat „Dinge sind sowieso nie lange okay“ bleibt bei mir hängen und greift auch die Hoffnungslosigkeit auf, die das textinterne Wir zu spüren scheint. Till liest nicht alleine vor, sondern die anderen AutorInnen unterstützen ihn, was die Lesung lebendiger gestaltet und auch eine gewisse Theateratmosphäre aufkommen lässt. Danach ändern die AutorInnen die Lichtverhältnisse: Liat und Till sind in starkes rotes Licht getaucht, Lena-Marie Biertimpel, die als letzte lesen wird, in ein bläulich-rotes. Später erzählt Till, dass sie das durch farbiges Papier vor der Webcam erreicht und damit etwas Analoges im Digitalen gefunden haben.

Nur das Autorinnen-Duo Lynn Takeo Musiol und Eva Tepest, das als drittes an der Reihe ist, behalten ihre Lichtverhältnisse bei. Sie arbeiten zusammen und befinden sich auch in einem Zimmer, sind also die einzigen, die nicht ausschließlich digital mit den anderen Teilnehmenden in Verbindung treten. Wie Tills Theaterstück spielt das Romanprojekt, aus dem sie vorlesen, in einer Art von Dystopie, die Stimmung ist aber weit weniger bedrückend. Ihre Figuren haben die Klima-Krise überlebt und wohnen zusammen in einer Gemeinschaft, die im Text immer nur als ‚Community‘ bezeichnet wird. Generell häufen sich die Anglizismen. Und ich weiß nie so ganz, wie ernst der Text gemeint ist: In der post-feministischen Welt, die sie beschreiben, gibt es keine Hierarchien mehr. Das sexuelle Konzept des ‚Daddy‘ kann dort also nicht umgesetzt werden. Als sie das vorlesen, muss ich schmunzeln. Es ist auf eine Art und Weise witzig, die man nicht erwartet.

Die Lichtverhältnisse ändern sich erneut: Alle bis auf Lena-Marie Biertimpel, die nun mit ihrer Lesung dran ist, sind in rotem Licht zu sehen. Lena-Marie dreht ihren Laptop so, dass die Zuschauenden aus ihrem Zimmerfenster gucken. Ihr Text stammt ebenfalls aus einem Romanprojekt und erzählt von einer jungen Frau, die sich selbst in eine Klinik einweist, weil sie schlichtweg nicht mehr kann und sich innerlich leer fühlt. Obwohl einem der Romanausschnitt mit seiner ungeschönten Erzählweise sehr nahe geht, lässt das Ende etwas Hoffnung aufkommen. Es ist ein guter Abschluss für die Lesung. 

In einer abschließenden Videokonferenz, an der ich aus Neugier teilnehme, wird noch eine Weile diskutiert. Nur der Anfang ist etwas holprig, weil sich niemand so recht traut, zu sprechen. Es ist eben trotzdem eine ungewohnte Situation. Aber die Lesung war toll, die Teilnehmenden ernten viel Lob. Lena-Marie merkt an, dass sie zwar gerne mal mit den anderen auf ein Bier gegangen wäre, aber trotz der räumlichen Distanz das Gefühl hat, Leute kennengelernt und Beziehungen aufgebaut zu haben. Außerdem mochte sie es, dass der Fokus durch das Digitale sehr auf der Stimme lag. Dem stimme ich zu – auch eher undurchsichtige Texte gewinnen durch das Format eine gewisse Klarheit. Till sagt, dass ihm die Räume der anderen durch häufige Videokonferenzen inzwischen sehr vertraut sind. Man sieht: Auch im rein Digitalen entstehen persönliche Verbindungen. 

Den Stream am zweiten Tag kann ich leider nicht mitverfolgen. Die ausgewählten KünstlerInnen zeigen heute, wie sie Texte der AutorInnen inszeniert haben und bringen diese damit quasi auf die Bühne – oder in diesem Jahr eben auf den Bildschirm. Ich gucke die Aufzeichnung des Live-Streams am Sonntag nach, wobei ich nicht alle Inszenierungen sehen kann, weil zwei davon auf externen Websites stattfinden. Diese sind zwar weiterhin online, aber ich finde die entsprechenden Beiträge nicht. Was ich sehe, ist jedoch eindrucksvoll. Und ich merke, dass es durch Medien wie Videos zwar gut möglich ist, Texte digital zu inszenieren, dies bei mir aber manchmal zu einer Reizüberflutung führt. Das ist schade, weil ich dadurch weniger mitnehmen kann. Alles in allem hat sich das auftakt festival aber definitiv gelohnt. Es verfolgt ein tolles Konzept, das auch unter diesen erschwerten Bedingungen gut umgesetzt werden konnte. 

Wenn ihr euch selbst ein Bild machen wollt, könnt ihr euch die Live-Streams auf dringeblieben.de angucken. Dort sind sie auch weiterhin online. 

Von Carolin Obermüller

Beitrag erstellt am: 02.06.2020 um 13:18 Uhr
Letzte Änderung am: 05.06.2020 um 08:22 Uhr

Portrait

… studiert Linguistik und Phonetik sowie Germanistik und will später erstmal „irgendwas mit Sprache“ machen, weswegen sie seit neuestem auch für die philtrat schreibt. Ansonsten besucht sie jedes Semester irgendeinen esoterisch angehauchten Yoga-Kurs, ändert ständig ihre Haarfarbe und guckt stundenlang Dokumentationen auf YouTube. Als Wohnzimmer dienen ihr entweder die Bibliothek oder aber die Deutsche Bahn, weil sie nebenbei auch noch ziemlich viel in der Gegend rumfährt.