Ein Diss-Track: Der vermeintlich akademische Blick auf Deutschrap

Jubelnde Menschen im Hintergrund die Konzertbühne
Deutschrap steht aufgrund seiner Texte häufig in der Kritik. Foto von Free-Photos / Pixabay-License.

Wer macht Deutschrap? Wer hört Deutschrap? Und wie viel Klassismus und Rassismus steckt in dem vermeintlich akademischen Blick auf dieses Genre?

Es ist wahrscheinlich eine furchtbare Zumutung, diese Fragen in einem universitären Magazin zu diskutieren, da mensch selbst sein*ihr größter blinder Fleck ist. Aber wenn weggehört wird, sobald Deutschrap läuft und jede Art von Chance verbaut wird, bei Rap-Texten genauer hinzuhören, dann versuchen wir doch eine Annäherung mithilfe des akademischen Sprachrohrs, also dieses Artikels.

Deutschrap, früher Deutscher Hip-Hop, findet seine Anfänge in den 1990er-Jahren mit den Fantastischen Vier, Sido, Bushido und vielen mehr. Mittlerweile hat es dieses Genre mitten in die Charts geschafft. Ist Deutschrap aber auch salonfähiger denn je? Das ist schwer zu sagen, da er wahnsinnig divers ist. In den hohen Rängen der Charts findet mensch meistens Capital Bra, Nimo oder Apache 207. Alle haben gemein, dass sie in ihrer Kindheit und Jugend klassistischen und rassistischen Strukturen ausgesetzt waren. Und eigentlich ist es falsch, von „waren“ zu sprechen, denn diese repressiven Erfahrungen gehen über den Zeitpunkt des (finanziellen) Erfolges hinaus. Die Verarbeitung dieser biografischen Verläufe findet mensch in ihren Texten wieder. Dann gibt es auch noch Deutschrap-Formationen wie Genetikk oder K.I.Z., die explizit gesellschaftskritischen und fast schon „akademisierten“ Rap produzieren. Aus persönlicher Beobachtung heraus bespielen sie ein völlig anderes und erstaunlich weißeres Publikum als beispielsweise Haftbefehl, Ansu oder Pashanim. 

Die meisten Deutschrap-Künstler*innen erzählen in ihren Texten von ihrem (vergangenen) Alltag und der „harten Realität“. Hier werden Anführungszeichen gesetzt, da kein Begriff sich dem annähern kann, was den individuellen Schicksalen vieler Rapper*innen entspricht. Da nimmt das eigentliche Problem auch schon seinen Lauf: Es ist mehr als in Ordnung und vielleicht sogar angebracht, dass Personen, die keinerlei negative Berührungspunkte mit klassistischen und rassistischen Machtstrukturen haben, keinen Deutschrap hören (und wenn, dann nur „akademisierten“). Aber das (Ver-)Urteilen, Kriminalisieren, Marginalisieren und Belächeln dessen, von „oben herab“, ist prätentiös, entblößend und aufschlussreich zugleich. Prätentiös, weil mensch sich scheinbar von etwas abgrenzen beziehungsweise mittels dessen selbst erhöhen will. Entblößend genau aus demselben Grund. Und aufschlussreich, da die Menschen, die auf häufig sogenannten „asozialen“ Deutschrap herabschauen, etwas Grundlegendes übersehen haben. Und zwar sich selbst und ihre Privilegien.

Auf der einen Seite Armut, der anderen Bosse/ Eine Straße trennt hier Geschäft von der Gosse.

Ansu aus In meiner Gegend

Es scheint so oft die Rede von Privilegien zu sein, doch was genau ist damit gemeint?

Das lässt sich beispielhaft mit den sogenannten Kapitalformen nach Pierre Bourdieu erklären: Ökonomisches Kapital (Vermögen, Erbe etc.), soziales Kapital („Vitamin B“), kulturelles Kapital (Bildung) und symbolisches Kapital („akademischer“ Duktus, Lebensweise etc.) sind ein eng verwobenes Geflecht. Der Zugang zu diesem Geflecht aus Kapitalformen wird wiederum von verschiedenen Diskriminierungsformen determiniert. Wenn wir nun von diesem wissenschaftlichen Ausflug den Bogen zurück zum Deutschrap schlagen, wird Folgendes deutlich: Die mit angeborenen Privilegien schauen auf jene herab, die sich ihre gesellschaftliche Position eigenständig hart erkämpft und keinen angeborenen Zugang zu den oben genannten Kapitalien haben. Diese Problematik der sozialen Ungleichheit ist auch oft wesentlicher Bestandteil ihrer Rap-Texte und deswegen eigentlich so leicht zugänglich. Aber es ist wahrscheinlich einfacher, sich die Ohren zuzuhalten und laut „lalalala“ zu singen, anstatt hinzuhören. Hier scheint die bourgeoise Bequemlichkeit wohl über dem Wahrhaben rauer Realität zu stehen.

Meine Hautfarbe bleibt Trend, bis du das Blaulicht siehst und rennst/ Verführ‘ ´ne Nazibraut für jedes Flüchtlingsheim, das brennt.

Nura aus Niemals Stress mit Bullen

Deutschrap im Wandel?

Kritik an Deutschrap ist in jedem Falle berechtigt und wichtig. Es ist, wie auch viele andere Genres, sehr cis-männerdominiert. Das scheint sich allmählich zu ändern. Deutschrap wird momentan immer mehr von Frauen erobert, wie Nura, Haiyti, Ebow, Shirin David oder Loredana, um nur einige zu nennen. Rap ist aber nicht nur strukturell, sondern auch inhaltlich von Sexismus (und vielen anderen Diskriminierungsformen) durchzogen. Wegerklären kann mensch das nicht, aber doch zumindest darüber nachdenken, dass Rap die glasklare Realität (der rappenden Person) darstellen soll, beziehungsweise will. Die Reproduktion diskriminierender Sprache in solchen Zusammenhängen ist übrigens auch ein großes Problem anderer, offenbar salonfähigerer Musikgenres. Dies ist in vielerlei Hinsicht destruktiv und hält Diskriminierungsstrukturen aufrecht. Wichtig ist hierbei aber auch die Selbstermächtigung, die im und durch Deutschrap passiert: Von der (weißen cis-hetero-normativen) Dominanzgesellschaft negativ konnotierte und benutzte Begriffe werden von jenen marginalisierten Gruppen zurückerobert und in positiven Kontexten verwendet. So emanzipieren sie sich aus fremdbestimmten Rollenbildern und gewinnen ein Stück Selbstbestimmtheit zurück. Dies wird oft als sehr empowernd empfunden. Deutschrap geht auch über die Reproduktion von jenen Begriffen hinaus und kann sich inhaltlich tiefgründig mit insbesondere den Abgründen der kapitalistischen und auf Exklusion basierenden Gesellschaft beschäftigen und das mit einer Authentizität und Geradlinigkeit, wie kaum ein anderes Genre.

Nehmt uns nicht ernst, haltet uns klein/ Schlagt uns, was ist denn schon dabei?/ Legt uns in Ketten obendrein/ Uns‘re Gedanken sind frei.

Apache 207 aus 28 Liter

Können und dürfen nun Menschen, die akademisiert sind oder einen angeborenen akademischen Hintergrund haben, Deutschrap kritisieren?

Sicher, es ist wahrscheinlich sogar enorm wichtig. Aber sieht mensch sich selbst dabei? Die persönliche Vorstellung von „guter Musik“? Die eigenen sozialen und bildungskulturellen Voraussetzungen? Mensch kann sich nicht selbst ausklammern und mit dem Finger auf andere – in dem Falle, von (Mehrfach-)Diskriminierung betroffene Personen – zeigen. Aus einem Rap-Text lässt sich mindestens, wenn nicht sogar mehr, gesellschaftspolitisch Relevantes lesen als aus dem Text einer deutschen, auf Englisch singenden Indie-Band. Deutschrap ist in jedem Fall zum Nachteil der machthabenden Personen, auch genannt „Personen mit Privilegien“. Ob nun gemütlich-privilegierte Ignoranz die Ursache für das akademisch allseits bekannte Abwinken von Deutschrap ist oder der Wunsch nach hochstaplerischer Erhabenheit, ist ganz gleich und ähnlich stumpfsinnig. Eines soll jedoch wohl gemerkt sein: Wenn sogenannte akademische Personen, Deutschrap verurteilen, dann treten sie nicht mehr lange nach unten. Denn Repräsentant*innen marginalisierter Lebensrealitäten erkämpfen sich gerade ihren Weg nach ganz oben in die Charts und in die Mitte der deutschen (Pop-)Kultur.

Diss-Tracks sind Songs, in denen ein*e bestimmte*r Gegner*in heruntergesetzt/kritisiert wird. Dieser „Diss“ kann aber auch nur Inhalt weniger Zeilen sein.
weiß wird hier kursiv geschrieben, da es sich um die Bezeichnung einer soziopolitisch privilegierten Position handelt, die auf kolonialer Kontinuität beruht.
„asozial“ wird hier bewusst in Anführungszeichen gesetzt, da es sich um die Reproduktion von Vokabular aus der NS-Zeit handelt.
Cis-Gender bedeutet, dass die Geschlechtsidentität einer Person mit ihrem bei der Geburt festgelegten Geschlecht übereinstimmt.
Empowerment lässt sich als „(Selbst-)Ermächtigung“ übersetzen und meint das (Zurück-)Erlangen von Selbstbestimmung, Selbstbewusstsein und Stärke, häufig durch Community-interne Arbeit.

Von Daria Zomorodkia

Beitrag erstellt am: 17.06.2021 um 08:25 Uhr
Letzte Änderung am: 20.06.2021 um 18:14 Uhr

... ihre Konstante im Leben ist ihr Interesse für Intersektionalität und alles, was Gesellschaft sonst so bewegt. Momentan studiert sie Sprachen & Kulturen der islamischen Welt und Ethnologie. Neben Deutsch-Rap und polnischem Electropop, findet sie Gefallen an gemütlichem Beisammensein, begleitet von Duftkerzen und gutem Tee.